Angst ist ein normaler und notwendiger Teil unseres Lebens, genauso wie z.B. Zorn und FreudeAngst tritt in der Regel als Reaktion auf bedrohlich beurteilte Ereignisse auf (Warnsignal)

Angst äußert sich in unserem Verhalten, unseren Gedanken und Gefühlen sowie in unseren körperlichen Reaktionen

·Angstreaktionen können, was sowohl die Intensität als auch die Form betrifft, sehr unterschiedlich aussehen

Angst ist ein grundlegendes normales Gefühl, das bei jedem Menschen auftritt, genauso wie z.B. Zorn, Wut, Freude und Traurigkeit. Angst wird übrigens nicht nur beim Menschen beobachtet, sondern auch bei Tieren. Angst tritt zumeist in Situationen auf, die als bedrohlich, ungewiss und unkontrollierbar eingeschätzt werden. Angst wird zumeist als unangenehm erlebt, ist aber trotz der oft gleichzeitig ablaufenden körperlichen Veränderungen nicht gefährlich. Angst ist eine natürliche und biologisch in unserem Organismus festgelegte Reaktionsform. Während bestimmter Phasen unserer Entwicklung treten Ängste normalerweise fast immer auf: z.B. die Angst der Kleinkinder vor Fremden (das sogenannte »Fremdeln«).

Angst hat viele Gesichter

Angsterlebnisse können in sehr unterschiedlichen Formen auftreten. Fast alle Menschen haben vermutlich schon einmal plötzliche Angst~Schreck-Reaktionen erlebt, z.B. in einer gefährlichen Situation im Straßenverkehr. Charakteristisch ist hier das plötzliche Auftreten von Angst mit starkem Herzklopfen, dem Gedanken, noch einmal davongekommen zu sein, und dem Gefühl, erst einmal aussteigen zu müssen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Häufig sind auch Angstgefühle vor möglicherweise unangenehmen Situationen, z.B. die Angst, vor einer schwierigen Prüfung den Klassenraum zu betreten. Hier tritt die Angst länger und schon vor der eigentlichen Situation auf und ist eher durch die ängstlichen Befürchtungen gekennzeichnet, z.B. zu versagen. Viele Menschen sind auch - vor allem in schwierigen Lebenslagen

- mit dem Gefühl von wochen- oder monatelang anhaltenden Sorgen und ängstlichen Befürchtungen vertraut, z.B., dass den Kindern etwas zugestoßen ist oder dass berufliche oder finanzielle Sorgen ausweglos erscheinen. Hier wechseln die Inhalte von Angst oft schnell, der Schlaf ist gestört, und vielfältige körperliche Beschwerden wie Herzrasen, Schweißausbrüche und körperliche Unruhe nehmen überhand. Wieder andere Menschen erleben häufig scheinbar unerklärliche und plötzlich auftretende panische Angst, die kaum auszuhalten ist.

Weniger bekannt ist, dass nicht nur bestimmte Umweltveränderungen, Belastungen und konkrete Situationen Angstreaktionen auslösen können, sondern auch Körperempfindungen selbst: z.B. die Beobachtung, nicht richtig durchatmen zu können, Erstickungsgefühle, Flimmern vor den Augen, Taubheits- und Kribbelgefühle

Angst hat viele Gründe

An diesen Beispielen sehen wir, dass Angst nicht nur viele Gesichter hat, sondern auch viele verschiedene Gründe haben kann, z.B. gefährliche Situationen, belastende Lebensereignisse, Lebenskrisen und Sorgen. Ängste und Angsterkrankungen können aber auch im Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen auftreten. Als Beispiele seien hier die Angstbeschwerden bei einer Überfunktion der Schilddrüse oder bei einer Herzerkrankung genannt. Dies kommt zwar nur selten vor, dennoch sollten auch diese möglichen Ursachen von Angstbeschwerden bei einer ärztlichen Untersuchung immer abgeklärt werden. Sprechen Sie deshalb über Ihre Angstbeschwerden mit Ihrem Hausarzt!

Die meisten Situationen, in denen wir Angst verspüren, werden im Laufe unseres Lebens erlernt. Das heißt, dass bereits ein unangenehmes oder beängstigendes Erlebnis dazu führen kann, dass man von diesem Tag an ähnlichen Situationen aus dem Weg geht oder sie nur mit massiven Angstbeschwerden durchleiden kann.

Wozu haben wir Angst?

Wozu haben wir überhaupt Angst, und wozu entwickeln wir diese Angstgefühle? Warum können wir uns offensichtlich manchmal kaum dagegen wehren?

Während unserer Entwicklungsgeschichte entwickelte sich die Angst als eine Reaktion mit hohem Überlebenswert. Als Menschen noch in der freien Natur lebten, war Angst lebensnotwendig als Vorbereitung auf Flucht oder Kampf. Ein gewisses Ausmaß an Angst ist auch heute noch als sogenannte Alarmreaktion und als Alarmsignal sinnvoll.

Angst ist sinnvoll und notwendig als automatische, also unbewusste, schnelle „Alarmreaktion“. Wenn beispielsweise beim Überqueren einer Straße plötzlich ein Auto laut hupend und mit großer Geschwindigkeit auf Sie zukommt, lässt Sie diese automatische Angstreaktion rasch zur Seite springen und rettet Ihnen so möglicherweise das Leben. Die typischen und oft extrem schnell eintretenden körperlichen Veränderungen, die mit Angst verbunden sind, dienen der Vorbereitung des Körpers auf schnelles Handeln: z.B., rasch wegzulaufen, wenn man einen möglicherweise lebensgefährdenden Fehler gemacht hat. Dabei erhöht sich unter anderem extrem schnell die Herztätigkeit, und die Muskeln werden angespannt, so dass man schnellstmöglich der Gefahr entkommen kann.

Ein weiterer wichtiger Nutzen der Angst besteht darin, dass sie ein Alarmsignal darstellt, das den Organismus warnt und die Aufmerksamkeit erhöht. Nähern wir uns gefährlichen Situationen, z.B. beim Bergsteigen, einer entscheidenden Prüfung oder beim Autofähren auf Glatteis, so sendet unser Körper Signale aus, die uns vor lebensgefährlichen Handlungen bewahren, z.B. klopft unser Herz schneller, und wir verhalten uns vorsichtiger und konzentrierter. Vor Prüfungen bewegt uns nicht zuletzt die Angst dazu, uns ausreichend vorzubereiten.

Wenn die Angst allerdings ein gewisses Ausmaß überschreitet, bringt sie mehr Nachteile als Vorteile mit sich. Überstarke Angst schränkt unser Denken und unser Verhalten ein und verringert beispielsweise die Konzentrationsfähigkeit. Darüber hinaus kann uns sehr große Angst in derartigen Situationen auch gefährden, da sie zu unüberlegten »panischen« Kurzschlussreaktionen führen kann.

Angst- und Stressreaktionen

Angstreaktionen lassen sich in vielen Aspekten gleichsetzen mit etwas, das wir im Alltagsleben auch als Stress kennen. Um Angst besser zu verstehen und erfolgversprechender behandeln zu können, ist es notwendig, auch auf den Begriff Stress einzugehen.

Jeden Tag erleben wir eine Vielzahl schwächerer und stärkerer Belastungen (Straßenverkehr, Ärger am Arbeitsplatz), in der Umgangssprache »Stress« genannt, die Stressreaktionen auslösen können. Wie aus Abbildung 1 ersichtlich , kommt es nach Eintreten einer Belastungssituation schnell und automatisch zu einem Anstieg vieler Körperreaktionen wie z.B. einer Erhöhung der Herzfrequenz und zu einer Anspannung der Muskulatur. Das Ausmaß dieses Erregungsanstiegs ist dabei abhängig von der Intensität der Belastung, d.h. von unserer Einschätzung ihrer Bedrohlichkeit - also unseren Gedanken.

Starke Belastungssituationen führen in der Regel zu stärkeren Stressreaktionen, geringere Belastungen zu automatisch ablaufenden, schwachen Stressreaktionen, die wir oft überhaupt nicht bewusst wahrnehmen. Diese Erhöhung der Erregtheit dient vor allen Dingen der Vorbereitung des Körpers auf schnelles Handeln. Sobald also die Belastung nachgelassen hat oder deren Ursache bewältigt ist, fällt unsere Erregung langsam wieder ab., Wie sie sehen , dauert dies bei starken Stressreaktionen eher länger, bei schwachen Stressreaktionen erfolgt die Rückkehr zum normalen Erregungsniveau sehr schnell.

Es ist nun wichtig zu erwähnen, dass Stressreaktionen meist nur kurz andauern und aufgrund der in unserem Körper angelegten. Steuerungsvorgänge automatisch und spontan wieder heruntergeregelt werden. Stressreaktionen, ebenso wie Angstreaktionen, dauern also nie auf hohem Niveau »ewig« an, sondern fallen, selbst wenn wir nichts tun, nach kurzer Zeit wieder spontan ab. Jeder von uns erlebt fortwährend täglich unzählige kleinere und größere Belastungssituationen. Manche sind eher kurz, wie z.B. Schreckreaktionen beim Autofahren, und manche dauern eher länger an, z.B. wenn wir in großer ängstlicher Besorgnis auf eine möglicherweise schlechte Nachricht warten. Wichtig für unser Verständnis von Angst ist nun, dass wir erkennen, dass ein und dieselbe Belastung unterschiedlich stark erlebt werden kann. Abhängig vom jeweiligen Zustand des Organismus fallen dann die Stressreaktionen und deren Empfindung unterschiedlich stark aus.

Die Abbildung 2 zeigt drei verschieden ausgeprägte Belastungssituationen: starke, schwache und sehr starke. Wenn unser Organismus und unsere Erregungslage insgesamt ausgeglichen sind, wenn also die allgemeinen Anspannungen niedrig ist.

Wir sehen dass die ersten zwei Belastungssituationen zwar eine Erhöhung der Erregung verursachen, aber die keineswegs unangenehmer Art, da die Schwelle zum Angsterleben nicht erreicht wird. Erst bei der dritten (starken) Belastungssituation - denken Sie z.B. an eine Schreckreaktion beim Autofahren oder beim „stecken bleiben“ des Aufzugs - kommt es zu einem plötzlichen und so starken Anstieg der Erregung, dass wir dies als unangenehm oder gar als Angst erleben.

Wie Sie in Abbildung 2 erkennen können, führen die gleichen Belastungssituationen an Tagen mit allgemeiner hoher Anspannung sehr viel leichter zu Angstreaktionen. An solchen Tagen können die gleichen mittel- oder leichtgradigen Belastungssituationen zu unangenehmer gedanklicher und körperlicher Erregung bis hin zur Angst führen.

Fassen wir zusammen: Sind wir ausgeglichen und befindet sich unser Organismus in einer niedrigen Anspannungssituation, z.B. nach einem erholsamen Urlaub, wird möglicherweise eine Belastungssituation eine schwächere Stressreaktion auslösen, die von uns leicht bewältigt werden kann. Bei hoher Anspannung werden wir hingegen bereits bei kleinen Ereignissen Ängste und Sorgen empfinden und uns überfordert fühlen. Möglich ist auch, dass unser Körper im Extremfall scheinbar unerklärlich, »von sich aus«, z.B. mit Herzrasen, Schwitzen, Übelkeit oder gar schwerer anfallartiger Panik reagiert.

Wie äußert sich Angst?

Angst besteht aus drei Anteilen, die in Abbildung 3 zusammengefasst sind.

Erstens aus dem körperlichen Anteil, wie z.B. Herzrasen, Schwitzen und Verspannung der Muskeln, zweitens dem gedanklichen und gefühlsmäßigen Anteil, wie z.B. der Furcht davor, die Kontrolle zu verlieren, einen Herzanfall zu erleiden oder zu sterben, und drittens dem Verhalten, das Sie in einer solchen Situation zeigen. Sie wenden sich z.B. aus Angst ab, flüchten oder gehen den kritischen Situationen von vorneherein aus dem Weg.

Die drei Anteile treten jedoch nicht immer gleichzeitig und gleich intensiv auf. Manche Menschen nehmen eher die körperlichen Anteile wahr, andere Menschen eher die gedanklichen oder die Verhaltensanteile. Alle drei Anteile spielen jedoch eine Rolle sowohl bei der Entstehung als auch bei der Aufrechterhaltung von Angst.

Was sind Angststörungen, und wie unterscheiden sie sich von normalen Ängsten?

Angststörungen sind Erkrankungen, die man an bestimmten Symptomen erkennen kann Wir bezeichnen Angstzustände als Krankheit, wenn sie:

- unangemessen, zu stark und zu häufig auftreten und lange anhalten

- belasten und starkes Leiden verursachen

- zur Vermeidung wichtiger Aktivitäten führen

Bei allen Angststörungen können bestimmte Lebensereignisse, Stress und Überlastung - kurz- und langfristiger Art - eine entscheidende Rolle spielen

· Manche Angststörungen können langfristig zu Depressionen und zu Medikamenten- sowie Alkoholmissbrauch führen

Wir haben dargelegt, dass Angst an sich etwas Notwendiges und Sinnvolles ist. Angsterkrankungen sind danach in der Regel Übersteigerungen an sich normaler und biologisch festgelegter Reaktionen. Bei fast allen Formen von Angststörungen spielen Fehlsteuerungen bei der Angst-Streß-Reaktion eine entscheidende Rolle.

Denken Sie an das Beispiel von Herrn X oder Frau Y., der/die im Aufzug steckengeblieben ist und in Panik gerät. Oft führt schon das einmalige Erleben einer derartigen vermeintlichen Gefahr dazu, schon vor dem Eintreten einer solchen Situation eine erhöhte Anspannung oder gar eine Erwartungsspannung zu entwickeln. Wann wird hieraus eine Angsterkrankung, und wie kann dies erklärt werden ?

Stellen Sie sich zunächst den Ablauf der Ereignisse bei Herrn X oder Frau Y. anhand der ersten in Abbildung 4 dargestellten Kurve vor.

Sie begeben sich zum Aufzug. Nachdem Sie den Knopf gedrückt haben, warten Sie auf den Aufzug. Der Aufzug kommt, und Sie betreten ihn. Während der Aufzug fährt, kommt es nun zum beschriebenen Stromausfall. Der Aufzug bleibt stecken, Licht und Ventilator gehen für 90 Sekunden aus. Erst dann fährt der Aufzug wieder weiter. Sie verlassen den Aufzug. Der untere blaue Teil der Anspannungskurve zeigt Ihnen, dass sie beim ersten Mal keinerlei Erregungsanstieg verspüren, wenn Sie den Aufzug betreten. Erst als der Aufzug stockt und dann stehen bleibt, kommt es zu einem Anstieg der Stressreaktion, die allerdings, nachdem der Aufzug weiterfährt und damit die Situation gelöst ist, relativ schnell wieder abklingt.

Beim nächsten Mal erleben Sie möglicherweise, wie Herr X oder auch Frau Y dass sie bereits beim warten auf den Aufzug Unruhe und Nervosität entwickeln. Sie erinnern sich an das Ereignis des Stromausfalls und die unangenehme Stressreaktion. Diese in der gelben Kurve wiedergegebene Erregung kann sich beim Betreten des Aufzugs steigern und legt sich erst, wenn Sie merken, dass der Aufzug ohne zu stocken und stecken zu bleiben fährt. Selbst wenn sich die Erregung im kritischen Bereich von unangenehmer Anspannung und Angstgefühl entwickelt, klingt sie doch noch während der Fahrt ab, so dass Sie beim Verlassen des Aufzugs keine Spannung mehr spüren. Wiederholen wir diese Situation mehrfach, so würde innerhalb von kurzer Zeit die Angstreaktion verschwinden und Aufzug fahren wieder eine ganz normale Tätigkeit werden. Erleben wir allerdings die Gedanken an solche Stressreaktionen und Situationen als zu unangenehm, gefährlich und belastend, werden wir dazu neigen, die Situation zu vermeiden. Dies ist in der braunen Kurve zu erkennen. Der Grund für die Vermeidung ist, dass die Erwartungsangst die Schwelle für eine stärkere Stress-und Angstreaktion automatisch anhebt. Über unsere Gedanken und Gefühle entwickeln wir schon bei der Vorstellung einer solchen Situation eine über starke Stressreaktion, obwohl wir uns überhaupt noch nicht in einer gefährlichen Situation befinden.

Flucht und Vermeidung eines solchen Erlebens haben kurzfristig den angenehmen Effekt, dass es nicht mehr zu starken Angstreaktionen während des Aufenthaltes im Aufzug kommt. Langfristig jedoch machen wir auch nicht mehr die Erfahrung, dass Aufzugfahren ungetährlich ist.

Je länger wir also die Situation vermeiden - und je öfter wir bereits vor der eigentlichen Situation fliehen -, um so mehr steigert sich die Erwartungsspannung. Dies kann dazu führen, dass allein schon beim Gedanken an eine solche Situation massive Angstreaktionen auftreten.

Wann werden wir die Angstreaktion von Herrn X oder Frau Y. als Krankheit bezeichnen? Um dies abzuklären, müßten wir Herrn X oder frau Y. zunächst ausführlich dazu befragen, ob seine/ihre Ängste im Aufzug unangemessen häufig und lange auftreten. Wenn dies der Fall ist, werden wie weiter prüfen, ob und wie häufig er/sie diese Situationen vermeidet und ob dies in sein/ihr Leben eingreift. Nur wenn alle Fragen bejaht werden, sprechen wir im engeren Sinne von einer Angsterkrankung -

im Falle von Herrn X oder Frau Y. von einer spezifischen Phoble vor Aufzügen (Abb. 5).

Sollte Herr X oder Frau Y. nicht alle diese Merkmale aufweisen, ist es in der Regel erfolgversprechend, Herrn X Frau Y. über die Gefahr einer zunehmenden Vermeidung aufzuklären und ihn zu ermutigen, soviel wie möglich Aufzug zu fahren. Dies ermöglicht ihmIihr, voraussichtlich ohne spezielle Behandlung, zu lernen, dass Aufzugfahren an sich ungefährlich ist. Das häufige tägliche Üben wird seine/ihre Angstreaktionen und insbesondere seine/ihre Erwartungsangst langsam zum Verschwinden bringen.

Dieses Beispiel zeigt Ihnen, dass wir Ängste als Krankheit bezeichnen, wenn sie unangemessen intensiv und häufig auftreten, zu lange andauern,

mit einem Verlust der Kontrolle über Auftreten und Andauern verbunden sind, dazu führen, dass wir Angstsituationen aus dem Weg gehen, sie vermeiden, Einschränkungen im Leben verursachen,

starkes Leiden verursachen. Bei Vorliegen aller dieser Merkmale ist grundsätzlich eine fachliche Beratung oder Therapie angezeigt.

Das Beispiel der Angst vor dem Aufzug beschreibt allerdings nur eine spezielle Form von Angsterkrankung, nämlich die spezifische Phobie.

Welche Angststörungen gibt es?

Abbildung 6 soll Ihnen noch einmal verdeutliche n, dass alle Menschen irgendwann in ihrem Leben vorübergehend unter Streß und Alltagsängsten leiden. Viele und möglicherweise sogar sehr viele Menschen erleben außerdem bei vorübergehenden Belastungen eine Mischung von Verstimmung, körperlichem Unwohlsein und Angstgefühlen, die jedoch zumeist mit Abklingen der Lebensbelastungen von alleine verschwinden.

Angsterkrankungen sind seltener! Über 10% aller Menschen leiden im Laufe ihres Lebens so stark, häufig und lang andauernd unter Ängsten, dass es zu Vermeidungsverhalten, aus-geprägtem Leiden und deutlichen Einschränkungen im alltäglichen Leben kommt.

Wenn dieser Zustand über Jahre andauert, kann es bei manchen Menschen auch zu weitergehenden Komplikationen und zu Begleiterkrankungen kommen: z.B. zu Medikamenten- oder Alkoholproblemen oder zu einer zusätzlichen depressiven Erkrankung. Dies ist ungefähr bei weiteren 3% aller Menschen der Fall. Die am häufigsten vorkommenden Angststörungen sind

die Panikstörung,

· die generalisierte Angststörung,

· die Agoraphobie (oder Platzangst),

· die soziale Phobie,

· und die spezifische Phobie.

Im folgenden werden diese Angststörungen kurz beschrieben und zur Verdeutlichung jeweils ein Bild und einige Schlüsselmerkmale aufgeführt. Dies soll Ihnen im Sinne einer ersten »Selbstdiagnose« helfen zu erkennen, ob sie möglicherweise unter einer oder mehreren dieser Angsterkrankungen leiden.

Die Panikstörung

ist an plötzlichen und unerwarteten Panikanfällen oder -attacken zu erkennen. Für die Attacken ist auf den ersten Blick kein eindeutiger Auslöser zu erkennen. Abb.7 Die Attacken sind zumeist durch vielfältige körperliche Syrnptome gekennzeichnet, die sich innerhalb weniger Sekunden oder Minuten zu einem Höhepunkt steigern. Hierzu gehören z.B. Herzklopfen, Brustschmerz, Erstickungsanfälle und Schwindel. Oftmals haben die Betroffenen dabei auch die Angst zu sterben oder einen Herzanfall zu erleiden. Panikanfälle sind im Grunde mit einer sehr intensiven Schreck-Angst-Situation vergleichbar, abgesehen davon, dass kein vernünftiger Anlass zu ermitteln ist, d.h. Panikanfälle treten »wie aus heiterem Himmel« plötzlich auf. Obwohl derartige Panikanfälle oft nur Minuten dauern, gehören sie zu den Störungen, die unser Leben besonders stark beeinträchtigen können.

Nach einer solchen Panikattacke suchen die Betroffenen oft sofort einen Arzt auf um z.B. das Vorliegen einer Herzerkrankung auszuschließen. In der Regel finden sich aber auch bei sorgfältigster Diagnostik durch Arzt und Facharzt keinerlei körperliche Erkrankungen, die diese Angstattacken erklären. Das Fehlen einer eindeutigen körperlichen Ursache ist in der Regel für den Betroffenen keine Beruhigung. Da viele Arzte die Diagnose Panikstörung und ihre Behandlung nicht kennen, bleiben die Mehrzahl aller Betroffenen zunächst über Monate und oft Jahre verunsichert zurück. In der Angst, eine weitere und nicht kontrollierbar erscheinende Panikattacke nochmals zu erleiden, entwickeln Betroffene oft sehr schnell eine schwere Erwartungsangst. Sie vermeiden dann alle möglichen Situationen, die als risikoreich erscheinen: z.B. Bus- und Autofahren, Einkäufe erledigen oder überhaupt alleine aus dem Haus zu gehen. Ihre einzige Hilfe besteht oft darin, dass sie Beruhigungsmittel von ihrem Arzt erhalten, die zumindest zeitweise eine Erleichterung bringen, das Problem als solches aber nicht lösen. Im Gegenteil erhöht sich sogar die Gefahr einer Chronifizierung bis hin zur Abhängigkeit von dem Medikament.

In solchen Fällen kann das soziale Leben, insbesondere das

Familien- und das Berufsleben, erheblich belastet werden. Viele

Betroffene werden auch aufgrund Ihrer Beeinträchtigung und der

Belastung durch die Angst depressiv.

Die generalisierte Angststörung

beginnt im Gegensatz zur Panikstörung meist langsam Abb.8.

Sie ist durch übertriebene, eigentlich unrealistische, andauernde Besorgnisse, Ängste und Befürchtungen in bezug auf vielfältige Aspekte des Lebens charakterisiert. Deshalb nennen wir sie auch generalisiert. Menschen, die von der generalisierten Angststörung betroffen sind, machen sich fast den ganzen Tag Angst und Sorgen darüber, ob möglicherweise dem Ehemann auf dem Weg zur Arbeit, den Kindern in der Schule oder Verwandten etwas zugestoßen sein könnte, obwohl eigentlich kein Anlass dazu besteht. Im Zusammenhang damit treten viele seelische und körperliche Probleme auf: z.B. ängstliche Anspannung, körperliche Unruhe, die Unfähigkeit, sich zu entspannen, Schlafstörungen, Schwindel, Magenbeschwerden, Hitzewallungen, Ein- und Durchschlafstörungen sowie Reizbarkeit.

Menschen, die von dieser Störung betroffen sind, werden wegen ihrer vielgestaltigen körperlichen Symptome medizinisch oft nur mit Medikamenten zur Linderung von Schlafbeschwerden und Nervosität behandelt. Die eigendliche Grunderkrankung - die »generalisierte Angststörung« - wird oft übersehen.

Beide Formen von Angststörungen - die Panikstörung und die generalisierte Angststörung - sind keine seltenen Krankheiten. In Deutschland sind oder waren früher in ihrem Leben mehr als 2 Millionen Menschen davon betroffen. Frauen etwas häufiger als Männer. Früher wurden diese beiden Erkrankungen übrigens zusammengefasst als Angstneurose bezeichnet - ein Begriff, der sich allerdings als nicht zutreffend und therapeutisch als wenig hilfreich erwiesen hat.

Die Agoraphobie (oder Platzangst) tritt auch häufig zusammen mit der Panikstörung auf. Der Begriff Agoraphobie schließt das ein, was man früher als »Platzangst«, also als Angst vor weiten offenen Plätzen, bezeichnet hat. Das Hauptmerkmal der Agoraphobie ist die Angst vor Situationen, in denen eine Flucht nur schwer möglich ist oder aber keine Hilfe verfügbar wäre. Typische Situationen sind z.B. die Angst vor Plätzen, Menschenmengen, dem Fahren in Verkehrsmitteln wie Bus oder Auto oder die Angst einzukaufen und Schlange zu stehen Abb.9

Agoraphobien führen in der Regel erst im Laufe von Monaten und Jahren zu erheblichen Einschränkungen in der Lebens-führung. So z.B. weil das Einkaufen nicht mehr möglich ist und viele Alltagsverrichtungen nur in Begleitung vorgenommen werden können. Viele Betroffene können nach einigen Jahren gar nicht mehr das Haus verlassen. Agoraphobien treten bei Frauen doppelt so häufig auf wie bei Männern. Ungefähr 5% der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens an einer Agoraphobie.

Die soziale Phobie umfasst unangemesse n starke Ängste vor sozialen Situationen wie Abb.10 sich in Gegenwart anderer zu äußern, vor anderen zu reden oder zu essen oder in anderer Weise im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer zu stehen. Andere typische Situationen schließen auch ein, mit anderen zu essen sowie zu schreiben, wenn jemand zusieht. Typischerweise beginnen soziale Phobien bereits in der frühen Jugend schleichend und kaum merklich. Erste Anzeichen dieser Angststörung zeigen sich oft als ausgeprägte Schüchternheit oder Zurückhaltung. Zu gravierenderen beruflichen oder privaten Problemen kommt es in der Regel bei größeren Lebensveränderungen, wie z.B. nach einer Beförderung, wenn der oder die Betroffene plötzlich gezwungen ist, zu oder vor anderen Leuten zu sprechen. Oder bei neuen Partnerschaften oder Freundschaften, weil man nicht ins Kino oder Restaurant mitgehen kann.

Spezifische Phobien schließlich bezeichnen unangem essene und starke Ängste und Angstreaktionen, die sich nur auf bestimmte Tiere, z.B. Spinnen, und auf bestimmte Objekte und Situationen beziehen, z.B. vor Höhen, Schwimmbad oder tiefen Gewässern, engen Räumen bzw. dem Gefühl des Eingeschlossen-seins. Seltener sind starke Ängste vor Blut und Infektionen. Bei der sozialen und bei der spezifischen Phobie finden sich selten ausgeprägte Panikreaktionen. Vielmehr steht hier in der Regel die Vermeidung von Situationen im Vordergrund Abb.11. Auch die spezifische Phobie beginnt in der Regel bereits in der frühen Jugend schleichend und entwickelt sich erst nach Monaten und Jahren zu einer schweren und das Leben beeinträchtigenden Störung.

Allen drei Arten von phobischen Störungen sind mehrer

Merkmale gemeinsam Abb.12:

· die körperlichen Aspekte der Angst wie Zittern, Herzklopfen und Schwitzen in Erwartung oder beim tatsächlichen Eintreten der Situation bzw. bei der Gegenüberstellung mit dem befürchteten Objekt,

· die Vermeidung dieser oder ähnlicher Situationen sowie

· eine Beeinträchtigung des Alltagsiebens durch die Angst und das Andauern der Störung über längere Zeit.

Auch Phobien sind weit verbreitet und sind keine seltene Erkrankung. Fast 5 Millionen Menschen in Deutschland sind derzeit oder waren in der Vergangenheit an einer Phobie erkrankt.

Andere Angststörungen. Neben diesen drei Gruppen von Angststörungen im engeren Sinne gibt es aber auch noch andere Angststörungen, auf die wir nur am Rande eingehen können.

Posttraumatische Belastungsreaktion: Hierbei handelt es

sich um die Angst, die nach einem oder mehreren schrecklichen Erlebnissen (Trauma) über Monate oder Jahre zurückbleibt - z.B. nach einer körperlichen Gewalttat oder nach Naturkatastrophen. Hauptkennzeichen sind zum einen immerwährende Erinnerungen an das Ereignis in Form von Mpträumen sowie die fortwährende Angst, das Ereignis könnte sich wiederholen. Deshalb vermeiden Betroffene mit dieser Erkrankung nach Möglichkeit alle damit zusammenhängenden Situationen und Dinge. Zum anderen entwickeln Patienten mit dieser Störung nach dem Trauma häufig eine übertriebene Schreckneigung, Ein- und Durchschlafstörungen und Reizbarkeit und zeigen oft erhebliche Konzentrationsstörungen.

Anpassungsstörungen: Eine häufig »mildere« Form der Angsterkrankungen, die oft nur vorilbergehender Natur ist, sind die sogenannten Anpassungsstörungen. Wie der Name sagt, stehen hier Ängste im Vordergrund, die mit einer überstarken emotionalen Reaktion auf veränderte Lebensumstände zu tun haben. Beispiele sind ein Umzug in eine veränderte Umwelt ohne die alten Freunde, Kontakte und gewohnten Lebensbezüge oder an-dauernde Sorgen und Ängste nach einer bedrohlichen Nachricht, z.B. nachdem man erfahren hat, an einer schweren körperlichen Erkrankung (z.B. Brustkrebs, Herzerkrankung) zu leiden.

Nochmals muss darauf hingewiesen werden, dass Ängste auch bei bestimmten körperlichen Erkrankungen vorkommen, z.B.

als Zeichen für eine ernste Herzerkrankung sowie bei Schilddrüsenerkrankungen.

Auch bei sehr schweren Depressionen oder sogenannten Psychosen können in deren Verlauf einzelne Angstsymptome auftreten. Diese letztgenannten Erkrankungen - auch wenn sie sehr viel seltener als die Angststörungen im engeren Sinne sind - erfordern auf jeden Fall eine fachärztliche Abklärung.

Wie entstehen Angststörungen?

Viele von Ihnen haben sich vielleicht schon die Frage gestellt, warum gerade Sie persönlich an einer Angststörun g erkrankt sind. Die verschiedenen Formen von Angststörungen können durchaus bei jeder Person auf verschiedenen Wegen entstehen, von denen hier nur einige genannt werden können. Abb 13a

Manchmal lösen bestimmte Erfahrungen eine Angststörung aus. Denken Sie an die vorher erwähnte Aufzugsangst von Herrn X oder Frau Y. Manchmal ist es auch ganz einfach der Umstand, dass man keine Gelegenheit hatte, bestimmte Verhaltensweisen richtig erlernen zu können: z.B. bei der sozialen Phobie sich durchzusetzen oder zu anderen Leuten zu sprechen - und dies, obwohl man gerade befördert wurde und beruflich darauf angewiesen wäre. In wieder anderen Fällen ist es die möglicherweise zum Teil ererbte Neigung, in einer bestimmten Weise zu reagieren, die darüber entscheidet, unter schwierigen Lebensbedingungen eine Angsterkrankung zu entwickeln. Denn wir wissen aus verschiedenen Studien, dass Angsterkrankungen gehäuft in Familien vorkommen. Auch können körperliche Faktoren eine Rolle spielen; seltener sind dies körperliche Erkrankungen, wie z.B. Schilddrüsenerkrankungen. Häufiger sind es aber plötzliche oder lange anhaltende Belastungen - also Streß und Überarbeitung - die zusammen mit den anderen Faktoren zum Ausbruch führen. Es kann dann manchmal - wie bei einem Glas, das durch viele Tropfen voll wird und dann überläuft - zu Panikgefühlen oder scheinbar unerklärlicher Angst, Besorgnis und Unsicherheit kommen. Gerade in Situationen, in denen eigentlich »alles zuviel wird«, verhalten sich viele Menschen oft so, dass die Wahrscheinlichkeit, Angstbeschwerden zu entwickeln, besonders groß ist. In derartigen Stresssituationen schlafen sie oft schlecht oder weniger, trinken oft mehr Kaffee, treiben weniger Sport, und manche Leidensgenossen rauchen mehr als sonst.

Alle diese letztgenannten Aspekte stellen aber Risikofaktoren für den Ausbruch von Angstsymptomen dar. Sie können leicht die Schwelle zu einer Panikattacke oder anderen Angstbeschwerden herabsetzen.

Aber bedenken Sie immer, dass es unabhängig vom eigentlichen ersten Anlass, der vielleicht der Anstoß zu Ihrer Angsterkrankung war, darauf ankommt, wie Sie letzt mit der Angstproblematik umgehen.

Der Angstkreis

Angst wird immer dann zum Problem, wenn Sie in einen Teufelskreis von Erwartungsangst, Katastrophengedanken und körperlichen Angstmerkmalen kommen. Abb.13 illustriert.

Sie sehen hier einen Kreis eingeteilt in »Wahrnehmung«, »Gedanken«, »Angst«, »körperliche Veränderungen« und »körperliche Symptome«. Die Angstsymptomatik kann an jeder Stelle in Gang gesetzt werden. Meist beginnt dies jedoch mit nur einer Komponente. Wir möchten Ihnen diesen »Angstkreis« anhand eines Angstanfalls erklären.

Sie sehen hier einen Kreis eingeteilt in »Wahrnehmung«, »Gedanken«, »Angst«, »körperliche Veränderungen« und »körperliche Symptome«. Die Angstsymptomatik kann an jeder Stelle in Gang gesetzt werden. Meist beginnt dies jedoch mit nur einer Komponente. Wir möchten Ihnen diesen »Angstkreis« anband eines Angstanfalls erklären.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie bemerken plötzlich, wie ihr Herz schneller zu schlagen beginnt. Sie haben das Gefühl Sie können nicht mehr richtig durchatmen. Sie haben keine Erklärung für diese Symptome, werten ängstlich und stellen sich vor, wie Sie nach Luft schnappen. Gleichzeitig denken Sie, Sie fallen jeden Moment in Ohnmacht. Sie nehmen hier also die körperlichen Symptome wahr und bewerten Sie als gefährlich, als Warnung vor etwas Schrecklichem, das bald geschehen könnte. Diese Vorstellung erzeugt Angst. Durch die Angst werden nun in ihrem Körper weitere körperliche Veränderungen im Sinne der Stressreaktion ausgelöst und die körperlichen Symptome werden noch intensiver. Ihnen wird jetzt schwindlig und heiß. Sie fangen an zu schwitzen und haben das Gefühl zu schwanken. ihre Gedanken fangen an zu rasen, und Sie fühlen sich verwirrt. Sie denken, Sie verlören den Verstand und würden vollständig die Kontrolle über sich verlieren. ihr Herz schlägt noch schneller, und Sie spüren Schmerzen in der Brust. Sie nehmen die jetzt noch stärker gewordenen Symptome wahr und bewerten diese ats erst recht gefährlich, sie ja nun wirklich stärker geworden sind und Sie sich somit in ihrer Befürchtung, einer Gefahr bestätigt sehen. Das Ganze schaukelt sich also hoch. Sie werden noch ängstlicher und denken, dieses Gefühl wird nie vergehen, und niemand kann mir helfen, und dies bis hin zum Gefühl, sterben zu müssen, also der Vorstellung des schlimmstmöglichen Falles.

Dieser Kreis macht deutlich, dass körperliche Symptome der Angst deutlich stärker werden, wenn man besonders auf sie achtet. Da Sie keine Erklärung für die Symptome haben, interpretieren Sie sie als gefährlich und werden ängstlich, und je ängstlicher Sie werden, um so stärker werden die Symptome.

Manche Menschen, die einmal einen starken Angstzustand wie z.B. eine Panikattacke erlebt haben, werden sehr empfindlich. Sie nehmen sehr viel schneller als früher selbst kleine körperliche Veränderungen wahr, und sie achten verstärkt auf diese Symptome. Dabei bewerten Sie zunehmend häufiger auch ganz normale körperliche Beschwerden als besonders gefährlich und setzen so diesen Teufelskreis in Gang.

Der Teufelskreis der Angst kann grundsätzlich von verschiedenen Faktoren ausgelöst werden: z.B. durch das Lesen eines Zeitungsartikels über Herzerkrankungen oder durch die Wahrnehmung von körperlichen Veränderungen und von vermeintlich bedrohlichen Situationen wie in unserem Beispiel mit der Angst vor dem Aufzugfahren.

1. die Erwartung, dass sich die Angst bis zur schlimmstmöglichen Katastrophe

steigern wird, und

2.die Erwartung, dass die Angst ewig andauert und nie wieder verschwindet.

Beide Erwartungen sind falsch und treffen nie in dieser Form zu. Selbst wenn Sie sich der gefürchteten Situation aussetzen, wird die Angst nur einen kurzfristigen Höhepunkt erreichen und dann wieder spontan abklingen.

Jeder Versuch, die zweifellos vorhandenen Angstempfindungen körperlicher und gedanklicher Art zu unterdrücken, sei es durch Ablenkung, Vermeidung oder Flucht, verstärkt allerdings letztendlich die Angstproblematik oder verlängert die Angstreaktion. Würde es uns gelingen, in dieser Situation die Angst ruhiger zu beobachten ohne zu flüchten, ohne sie zu vermeiden, würde sie schon nach kurzer Zeit von alleine verschwinden.

Erst der Versuch, die Angst zu unterdrücken, sie nicht mehr erleben zu wollen und zu vermeiden, macht also oft noch normale Angst zu einem Problem und damit oft zu einer Krankheit.

Was geschieht, wenn ich nichts unternehme?

Viele Menschen glauben, dass Ängste von alleine wieder verschwinden. Dies ist allerdings nur selten der Fall. Die Forschung zeigt, dass bei vielen Betroffenen die Ängste zwar oft für einige Zeit ausbleiben, dann allerdings wieder auftreten. Warum dies so ist, zeigt die Abbildung 15.

Wenn uns eine Situation Angst macht, erscheint es zunächst nur natürlich, dass wir dies als unangenehm empfinden und versuchen, ihr aus dem Weg zu gehen, sie also zu vermeiden. Mit der Vermeidung kann aber der Teufelskreis der Angstentwicklung in Gang kommen. Es besteht dann einerseits die Gefahr, dass die Vermeidung sich ausweitet und mehr und mehr Lebensbereiche betrifft. Andererseits machen wir auch nicht mehr die Erfahrung des Ungefährlichen und somit verringert sich die Wahrscheinlichkeit wieder gesund zu werden.

Erinnern Sie sich an unser Beispiel mit dem Aufzug und an den Hinweis, dass selbst einmalige Erfahrungen zu Vermeidungsverhalten führen können. Die Angst könnte sich auf ähnliche Situationen wie z.B. auf Fahrten mit der U-Bahn ausdehnen, weil man befürchtet, auch hier könnten sich z.B. aufgrund eines Stromausfalls die Türen nicht mehr öffnen. Man fühlt sich zunehmend hilflos. In der Folge können auch das Berufsleben und der Freizeitbereich durch die Vermeidung beeinträchtigt sein, z.B. weil man nicht mehr mit dem Zug zur Arbeit fahren, Einkäufe erledigen, oder nicht mehr verreisen kann.

Ein zweites Risiko besteht darin, dass man in der Verzweiflung über sein Angstproblem zu Hilfsmitteln greift wie Alkohol, Baldriantropfen oder beruhigenden Medikamenten. Dadurch entsteht jedoch die Gefahr, eine Abhängigkeit von diesen Stoffen zu entwickeln, die wieder neue Probleme mit sich bringt.

Weiterhin können sich einzelne Ängste so ausweiten, dass sich im Laufe der Zeit mehrere Angststörungen entwickeln. So kann unter ungünstigen Umständen eine spezifische Phobie durch eine Agoraphobie, durch eine soziale Angst oder durch eine generalisierte Angst kompliziert werden.

Manche Betroffene nehmen auch eine falsche »Schonhaltung« ein und schränken aus der Befürchtung heraus, Angstbeschwerden zu entwickeln, körperliche Aktivitäten wie Treppensteigen und Sport ein. Dies ist keinesfalls zu empfehlen, da gerade Ihre körperliche Fitness vor Angstbeschwerden schützen kann. Denn gerade die Erfahrung körperlicher Anstrengung, sei es durch Sport oder nur Treppensteigen, mit all ihren körperlichen Aspekten wie Schwitzen, Herzklopfen und leichte Atemnot, kann hilfreich sein. Denn diese Merkmale können uns helfen, eine »normale« Einstellung gegenüber den körperlichen Anteilen der Angst zu entwickeln.

Eine wichtige und leider nicht seltene Komplikation kann in der Entwicklung einer Depression bestehen.

Gelegentliche Gefühle der Traurigkeit gehören zum alltäglichen Leben. Wenn Menschen besonders stark ausgeprägte Gefühle von Traurigkeit, Interessenlosigkeit und Verzweiflung zeigen und diese über mehrere Wochen lang unverändert anhalten, bezeichnen wir diese Menschen als depressiv. Depressive Gefühle werden häufig durch eine Lebenskrise wie den Tod eines geliebten Menschen, Scheidung, aber auch durch langandauernde Angstprobleme ausgelöst. Dies wird vor allem bei Panikstörungen, bei der Agoraphobie und bei der generalisierten Angststörung beobachtet. Wenn die depressive Verstimmung eine normale Lebensführung über Wochen hinweg nicht mehr zulässt und zusätzliche Beschwerden wie Appetitverlust, Schlafstörungen und Wertlosigkeitsgefühle überhand nehmen, liegt möglicherweise eine depressive Störung vor.

Eine depressive Störung ist eine Erkrankung, die die Lebensperspektive eines Menschen und sein Alltagsleben nachhaltig beeinträchtigt. Menschen mit einer depressiven Störung fühlen sich traurig, müde und interesselos. Sie schlafen schlechter, haben weniger Appetit, können sich nicht mehr konzentrieren und fühlen sich wertlos. Dinge, die sie einst gerne verrichteten, sind nicht mehr von Interesse. Eine depressive Störung kann sich auch verschlimmern oder gar chronisch werden. Wird sie nicht behandelt, kann sie bei manchen Menschen auch über mehrere Jahre anhalten. Sie kann mehrmals während eines Lebens wieder auftreten und sogar zum Selbstmord führen.

Wenn Sie bemerken, dass Ihre Angstprobleme zusammen mit derartigen depressiven Symptomen über längere Zeit auftreten, sollten Sie unbedingt mit Ihrem Arzt oder einem Psychotherapeuten Kontakt aufnehmen. Sowohl die Angst als auch die Depression können erfolgreich mit Medikamenten, Psychotherapie oder beidem kombiniert behandelt werden.

Quelle: Ratgeber Angst: Was Sie schon immer über Angst wissen wollten ! Angst-Angsterkrankungen- Behandlungsmöglichkeiten