Der Tod

Entsetzt schaute er auf seine Arme. Sie waren mit tiefen blutigen Striemen übersäht. Die rote Flüssigkeit kam immer stärker aus den vielen Schnittwunden. Was hatte er da bloß getan? Das Messer fiel ihm schwach aus der Hand und landete mit einem metallischen Klonk auf dem Tisch. Dieses Geräusch schien für ihn so weit weg, er konnte es kaum hören. Er dachte an die Befriedigung, die er verspürt hatte, während das Messer tief ins Fleisch schnitt, aber jetzt war da kein Gefühl mehr, nur noch grausame Leere. Er spürte einen Kloß in seinem Hals und eine einzelne Träne rollte seine linke Wange hinunter. Traurig stand er auf und ging zum Fenster und drehte den Griff. Ein Blutstropfen fiel herab und hinterließ einen dunkelroten Fleck auf dem Teppich. Sein Abschiedsgruß! Er war überrascht wie leicht sich das Fenster öffnen ließ, er hatte gedacht, dass man es ihm , wie in seinem ganzen Leben auch an seinem Ende schwer machen würde. Mühelos, aber schwermütig kletterte er auf das Fenstersims
und starrte ein letztes Mal auf die 10 Stockwerke tiefer liegende Straße. Ein vertrautes Bild. Das letzte vertraute Bild vor der Ungewissheit in die er springen würde. Nein! Noch einmal erhob er seinen Blick und sah einen einzelnen Vogel vorbeifliegen. Er ließ sich einfach so nach vorne fallen, dass erste Mal in seinem Leben, dass er Mut gehabt hatte. Es war seltsames Gefühl als kein Boden mehr da war. Bevor der Tod ihn aus den Klauen des Lebens entriss liefen alle seine Gedanken, wie im Film noch einmal an seinem inneren Auge vorbei. Er dachte an seine Eltern, seinen Vater, seiner einzigen wirklichen Bezugsperson, der vor einem Monat gestorben war, sein alkoholsüchtige Mutter, er war sich nicht einmal sicher, ob sie es überhaupt wahrnehmen würde, dass er nicht mehr da war. Er dachte an seine Freunde, die wenigen die er hatte, waren entweder drogensüchtig, klauten, oder er war für sie nur Spielzeug gewesen. Er dachte an die Schule, die Schule mit all den gewalttätigen Schülern, den manipulierbaren Schülern, wie er und den Lehren die Spaß daran hatten die Manipulierbaren zu quälen und selber von den Gewalttätigen manipuliert wurden. Er dachte an Samantha, einer der wenigen Lichtblicke in seinem dunklen Leben, leider war er immer zu schüchtern gewesen sie anzusprechen. Er dachte an ihre Schönheit, ihre braunen, samtweichen, langen Haare, an ihre glühenden, aber trotzdem milden Augen, an ihre Lippen, ihre wunderschönen vollen, roten Lippen, an ihre....
Er prallte auf. Mit dem Kopf zuerst. Es dauerte noch den Bruchteil einer Sekunde, bis die Schmerzen mit unbändiger, unvorstellbarer Kraft zuschlugen. Zwei- oder dreimal wand er sich noch auf der leeren Straße. Keiner sah es. Dann wurde es dunkel. Es war zuende!