Wundes Herz

Manchmal trüben Gefühle
Die Erinnerung
Manchmal nehmen sie
Überhand
Beugen den Willen
Ziehen ihn
Auf Ihre Seite
Im Angesicht des Schmerzes bereit,
In Vergangenes zu versinken
Mit zunehmenden Sog.




Traumzeit

29. Januar. Noch vier Wochen bis zur Gürtelprüfung und mir fällt nichts besseres ein, als am Mattenrand zu sitzen und vor mich hinzustarren, zu warten. Darauf zu warten, dass mir das Prüfungsprogramm von alleine in den Schoß fällt. Dass sich meine Gedanken nicht mehr so schnell im Kreis drehen. Obwohl ich froh bin, dass Markus nun eine neue Freundin gefunden hat, denke ich doch mit Wehmut an unsere letzten gemeinsamen Stunden heute Nachmittag zurück. Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass eine Trennung einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt, auch wenn man selbst dazu den ersten Schritt getan hat.
Aber: Kein Ende ohne Neuanfang! Ich beobachte meinen neuen heimlichen Schwarm und versuche ihn durch meinen hypnotisierenden Blick dazu zu bewegen, endlich einmal auf mich zuzukommen. Wie gebannt starre ich ihn an, fast so, als besäße mein Blick magische Kräfte, ihm meinen Willen aufzuzwingen. Er sieht nicht besonders gut aus, aber er besitzt eine wahnsinnige Ausstrahlung.
Neue Männer braucht das Land, denke ich kühn, und unser Verein auch.
Nun, zumindest der letzte Wunsch ging in Erfüllung; auf einen Schlag wechselten einige Judoka in unseren Verein, unter anderem mein heimlicher Schwarm und seine Schwester.

Ich erwache erst aus meinem hypnotischen Zustand, als mir ein fremdes Paar Beine jede weitere Sicht versperren. Die dazugehörende Stimme bringt mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und erinnert mich an den eigentlichen Zweck des Judotrainings:
"Machst du auch bei der Prüfung mit?"
Zögernd gebe ich meinen Beobachtungsposten auf und hebe den Kopf. Ich schaue in die grünen Augen eines recht gut gebauten, dunkelblonden, braungegürteten Bärs. Einer der Neuzugänge in unserem Verein.
"Ja."
"Kannst du alles ?"
"Nein."
Er lacht verschmitzt und fragt, was ich denn noch alles lernen müsse.
"Den Ashi-Guruma und den Hane-Goshi. Außerdem brauche ich noch eine Standkombination und die zwei Angriffsmethoden auf dem Boden."
Ihm fallen fast die Augen aus.
"Wann ist Prüfung?"
"Am 26. Februar."
"Wann ist Prüfung?"
"Am 26. Februar."
"Wann ist Prüfung?"
"Am 26. Februar."
Der Bär grinst wieder verschmitzt.
"Komm, mach mal deine Würfe."
Da ich zuvor noch nie mit einem Judoka mit den Ausmaßen eines Bären das Vergnügen hatte, schaue ich ihn entgeistert an.
"Mit dir?"
"Ja, warum nicht?"
"Na, wenn du meinst."
Sprach es und entschuldige mich im Stillen bei meinem Kreuz, auf das eine ungewohnte Belastung zukommen wird. Wir üben mein zugegeben mageres Prüfungsprogramm. Er meint, es gehe ganz gut, wobei offen bleibt, ob er das auf meine Würfe oder auf die Diskrepanz zwischen seiner und meiner Statur bezieht. Ich nehme das letztere an:
"Meine Partnerin, Sabine, ist fast genauso groß wie du, aber sie konnte heute nicht kommen. Zumindest den Größenunterschied bin ich gewohnt."
Dass sie weitaus weniger wiegt, verschweige ich höflicherweise. Man sollte sich nie mit unbekannten Bären anlegen, vor allem, wenn sie drei Gürtelfarben höher tragen als man selbst.
Wir werden unterbrochen, als einer seiner Freunde kommt und fragt, ob sie zusammen kämpfen. Bevor er von dannen zieht, verbeugt und entschuldigt er sich bei mir. Seinen Namen, Stefan, vergesse ich wieder.

Davon unbeirrbar überzeugt, dass mir meine Prüfungswürfe letztendlich doch noch in den Schoß fallen werden, beziehe ich wieder meinen Beobachtungsposten am Mattenrand. Schließlich konnte sich mein heimlicher Schwarm die letzte halbe Stunde von der Beschattung erholen!


05. Februar. Alexa und ich sitzen auf der Bank am Eingang der Judohalle. Der Bär von letzter Woche betritt die Halle und schaut mich kurz an. Ich lächle verlegen zurück.
"Wer war denn das?" Alexa kann es kaum fassen, dass ich nach Markus ein zweites Mal ohne ihre Hilfe jemanden kennen gelernt habe.
"Ach, ich weiß nicht. Irgend so ein Typ, mit dem ich letzte Woche trainiert habe." Ganz Dame von Welt winke ich ab.
Beim Aufwärmen stehen wir im Kreis und werfen uns gegenseitig in wechselnder Reihenfolge. Der Bär ist an der Reihe und fragt:
"Hallo, ist deine Partnerin heute auch nicht da?"
"Tag, doch, sie ist da. Die Große mit dem gelben Gürtel und den braunen Haaren."
Er schaut kurz und nickt. Der nächste zum Werfen kommt.
Später trainiere ich mit Alexa neben meinem Schwarm und dessen Schwester. Während dieser immer noch keine Notiz von mir nimmt, scheint mich der Bär unter seine Fittiche nehmen zu wollen, was mir ganz und gar nicht passt. Wir trainieren gemeinsam meine Würfe für die Prüfung, anschließend zeige ich ihm auf der Tafel die Würfe, die bisher noch nicht richtig klappen wollen. Nach einiger Zeit wird er allerdings wieder zum Kämpfen aufgefordert und ich trainiere die restliche Zeit mit Sabine.


12. Februar. Mein Schwarm ist nicht da und meine Laune sinkt abgrundtief. Ich schnauze Alexa wegen nichtigen Kleinigkeiten an. Dazu kommt noch der verspätete Frust wegen Markus, meinem Ex. Späte Reue, jetzt hat er eine andere. Wer zu spät kommt, ...
Wir absolvieren ein Aufwärmtraining vom Feinsten: Hinlegen, Aufstehen, Weiterrennen, Hinlegen usw. Plötzlich gibt mir jemand einen leichten Klaps auf den Hintern, schon wieder der Bär.
"Komm, weiter!"
"Ich kann nicht mehr!"
"Faule Kröte!" Weg ist er.
Hinlegen, Aufstehen, wieder gibt er mir einen Klaps, Weiterrennen.

Zunächst trainiere ich zusammen mit den anderen, die den grünen Gürtel machen wollen. Als ich keine Lust mehr habe, pausiere ich Trübsal blasend wieder auf der Matte und pflege meine schlechte Laune. Der Bär kommt schon wieder.
"Hast du Lust ein bisschen zu kämpfen?"
"Willst du mich jetzt fertig machen oder was?"
Ich schnauze ihn gereizt an.
"Nein, " antwortet er mit leiser, ruhiger Stimme und traurigen Augen.
Wir kämpfen zusammen, wobei er sich etwas zusammen reißt und mich nicht gleich verlieren lässt. Ach, wie schön wären solche Gegner bei den Stadtmeisterschaften!
"Wie heißt du eigentlich, ich muss doch wissen, wie ich dich anreden muss?"
"Maia."
Sein Name interessiert mich nicht, darum frage ich ihn nicht zurück. Heute ist einfach nicht mein höflichster Tag. Schließlich kommt Uwe:
"Hast du Lust, mit uns anderen zu kämpfen?"
Ja, er hat. Der Bär verbeugt sich und geht zu den anderen am hinteren Teil der Matte.


19. Februar. Sabine ist nicht da und ich trainiere mit Jan, der das Ganze auch nicht rafft. Nervosität macht sich breit. Der Bär kämpft neben uns und wird Zeuge unserer Streitereien. Mit Blick auf meine Notizen fragt er:
"Wem gehört denn der Zettel?"
"Mir."
"Jetzt noch mit Zettel! Wann ist Prüfung?"
"Nächsten Donnerstag."
"Wann ist Prüfung?"
"Nächsten Donnerstag."
"Wann ist Prüfung?"
"Nächsten Donnerstag."
Er grinst, Jan, der es für heute mit mir aufgegeben hat, lacht. Im Anschluss trainieren Anette und ich zusammen. In der zweiten Trainingshälfte sitze ich wieder wegen Partnermangel auf der Matte und beobachte wieder einmal meinen heimlichen Schwarm. Aber auch heute ignoriert er mich wieder. Aus den Augenwinkeln heraus bemerke ich, wie sich ein mittlerweile bekanntes, aber unerwünschtes Paar Beine auf mich zu bewegt. In Gedanken beschwere ich mich:
"Warum kommt denn immer der? Der ist doch schon so alt! Kann sich denn nicht mal mein Schwarm her bemühen?"
Nein, er kann nicht. Stattdessen geht der Bär neben mir in die Hocke und fragt:
"Du machst doch nächste Woche auch Prüfung. Kannst du alles ?"
"Nein."
Ich erinnere mich an den Reinfall, als ich mit Sabine am Montag trainiert habe.
"Wann ist Prüfung?"
"Nächsten Donnerstag."
"Wann ist Prüfung?"
"Nächsten Donnerstag."
"Wann ist Prüfung?"
"Nächste Woche."
Er lacht und streckt mir die Hand aus, um mich hoch zu ziehen.
Ich werfe ihn mit meinen besten Würfen, dann kommt der Hane-Goshi, den ich nicht kann.
"Versuch mal, mit dem Fuß mehr am Schienbein und ein bisschen höher anzusetzen."
Es klappt wieder nicht.
"Nicht auf den Boden schauen. Nicht einhängen, sonst behinderst du dich nur selber. Schau in die Wurfrichtung oder mir in die Augen."
"OK, ich schau dir in die Augen, Großer."
Ich wende meinen Blick dann aber doch lieber in die Wurfrichtung und - es klappt!
"Ja, genau! Gleich noch mal!"
Als er nach dem zweiten geglückten Hane-Goshi am Boden liegt, lächelt er herauf:
"Ja, genau so!"
Das erste Mal betrachte ich ihn genauer. Seine Gesichtzüge sehen weicher, jünger aus. Wie sich ein Mensch verändert, wenn man ihn von oben betrachtet!
Beim Ko-soto-gari, meinem zweiten Angstwurf, bringt er mir eine andere Laufart bei und auch diesen beherrsche ich nach einigen Versuchen.
"Ich habe so Angst vor der Prüfung. Jetzt kann ich es. Aber wenn es so wird wie am Montag..."
"Ach, das klappt schon. Heute war die Generalprobe und heute kannst du dein Programm ja!"
"Die Gürtelprüfung bestehe ich doch sowieso nicht."
"Die bestehst du schon." Er sagt das ganz leise und streicht dabei kurz mit seinem Finger über meine Wange. Diese leise Berührung raubt mir unerwartet fast den Verstand. Er setzt noch hinzu:
"Ich glaube, ich muss nächste Woche zum Daumendrücken kommen!"
Mir klappt der Unterkiefer herunter:
"Wie, willst du ehrlich kommen?"
"Natürlich, und zu deinem Kampf im März auch!"
Völlig perplex stehe ich da.
"Zu meinem Kampf lohnt sich das aber nicht, ich verliere nämlich immer."
Er antwortet ganz leise:
"Dieses Mal werden wir erste."
Wir!
Mops kommt und schaut sich mein gesamtes Programm an.
"Wenn du es so an der Prüfung machst, bekommst du überall die beste Bewertung!"

Wir machen eine kleine Pause. Als ich ihm erzähle, dass Sabine seit 7 Jahren und ich seit 5 Jahren im Judoverein ist, will er das zuerst nicht glauben. Er zeigt auf meinen orangefarbenen Gürtel und spottet:
"Schande, Schande."
Ich zeige auf seinen braunen Gürtel und möchte wissen, wie lange er den schon dabei ist und wann er gedenke, den schwarzen Gürtel zu machen.
"10 Jahre."
Ich zeige nun selbst auf seinen Gürtel und meine:
"Schande, Schande!"
Er lacht wieder und fragt, ob ich noch etwas üben möchte. Er staunt nicht schlecht, als ich ihm sage, dass ich noch gerne kämpfen würde. Dabei bringt er mir vieles bei. Zwischendurch demonstriert er mir mit einem seitlichen Wurf eindrucksvoll meinen unsicheren Stand. Danach frage ich ihn, wie ein Bodenkampf aussieht und wie man sich bei der Prüfung verhalten muss. Kurz darauf ist das Training beendet und meine Schwärmerei für den Unnahbaren auch.

Die Woche vergeht unglaublich langsam und scheint mehr als sieben Tage zu haben. Die ganze Zeit muss ich an den Bären denken und rede mir pausenlos ein, dass er eine Freundin haben muss, dass er schon mindestens 26 Jahre und damit 10 Jahre älter sein muss als ich und bestimmt nicht zu meiner Prüfung kommen wird. Überdies kann mir das egal sein, da er nichts weiter ist als ein guter Judotrainer.

Vor der Prüfung habe ich eigentlich keine Angst mehr, vielmehr, dass der Typ nicht kommt.


Verbrenn dich nicht

26. Februar. Der große Tag. Als ich ins Judo fahre, male ich mir ständig meine Reaktionen aus, wenn der Bär nicht bei meiner Prüfung zuschaut. Ein ewiger Kreislauf. In der Halle angekommen, ziehe ich mich schnell um. Der Typ ist nicht da und ich gratuliere mir insgeheim für meine überdurchschnittliche Men-schenkenntnis.
Plötzlich betritt er die Halle und setzt sich zu jemanden, sein Freund, wie sich später heraus stellt. Innerlich hüpfe ich vor Freude, er ist tatsächlich zu meiner Prüfung gekommen!
Andreas sammelt das Prüfungsgeld ein. Der Typ und ich schauen uns schweigend an. Links neben ihm entdecke ich eine Frau mit Kind. Ich denke, die beiden gehören zusammen und meine Hochstimmung bricht jäh ab. War ja vorhersehbar. So ein Typ kann nicht ohne Anhang sein! Aber warum schaut er mich die ganze Zeit an? Er bemerkt meine Nervosität und macht Andreas darauf aufmerksam, dass ich das Prüfungsgeld passend dabei habe. Dankbar lächle ich ihn an.

Letztendlich steigt meine Prüfungsangst, die doch besiegt schien. Ich verzweifle fast an meinen Würfen. Sabine geht es auch nicht besser. Er schaut. Nach einer Weile zählt er unsere Fehler auf und gibt Tipps, wie wir sie vermeiden können.
Wir üben die Roll- und die Fallschule. Als ich kurz ausruhe, setzt er sich plötzlich hinter mich und umarmt mich. Ganz nah an meinem Gesicht flüstert er:
"Deine Fallschule ist super, deine Rollschule ist super, du könntest aber danach noch ein bisschen länger stehen bleiben."
Mir wird ganz heiß bei dieser Umarmung. Mich wundert diese Umarmung, er ist doch mit der Frau auf der Bank liiert! Er hält mich lange. Sehr lange. Mir rast alles im Körper herum. Ein paar Minuten später lässt er mich wieder los und flüstert:
"Komm, trainier noch ein bisschen."
Sabine hat alles mit angesehen. Wie ein aufgeregtes Huhn flattert sie herum und fragt pausenlos:
"Wer ist das, ist das dein Freund? Wer ist denn das? Dein Freund? Ist das dein Freund?"
"Ich weiß nicht, wer das ist. Einer mit braunen Gürtel, mit dem ich die letzte Zeit oft trainiert habe. Der hat mir fast mein ganzes Prüfungsprogramm beigebracht."
Mit einem Kopfnicken Richtung Bank füge ich hinzu:
"Und übrigens glaube ich, dass er zu der Dame mit dem Kleinen gehört."
"Nein, ich glaube nicht, dass er mit einer so alten Frau verheiratet ist."

Ich kann nicht mehr klar denken. Sabine und ich verziehen uns nach hinten an die Wand, wo wir noch mal unser Bodenprogramm üben. Als ich wieder Schwierigkeiten mit den Angriffen habe, sehe ich undeutlich aus den Augenwinkeln, wie er kommt. Er zieht sich die Schuhe aus, betritt die Matte und zeigt mir an Sabine, wie es geht. Aber der zweite Angriff will nicht klappen. Kurzerhand zeigt er mir einen anderen.
Der Prüfungsbeginn wird angekündigt. Ich springe auf, bekomme gerade noch mit, wie er mir einen Klaps auf den Hintern gibt und renne schnell noch in die Umkleidekabine, um einen Traubenzucker zu essen.
Die Prüfung beginnt. Ich schaue sehr oft zu ihm rüber und er ab und zu zurück. Zwischendurch stupst Sabine mich an und zeigt, dass die Frau mit Kind zu jemand anderem und nicht zu ihm gehört.

Die Würfe sind an der Reihe. Sabine hat ihre gerade absolviert, jetzt wechseln wir. Ich bin hochgradig nervös und vergehe fast vor Angst, dass der Hane-goshi und der Ko-soto-gari nicht gelingen. Bis zum Hane-goshi geht alles gut. Aber dann. Natürlich unterläuft mir mein alter Fehler: einhängen und auf den Boden schauen. Insgesamt muss ich ihn 3x machen, es wird aber immer schlechter. Ich zittere vor Panik, meine Knie sind weich und meine Handflächen schweißnass. Dadurch vermassle ich fast noch den letzten Wurf.
Nach meiner Stand- und Bodenprüfung sitze ich mit den Armen auf meinen angewinkelten Beinen am Mattenrand und könnte heulen. Aus den Augenwinkeln erkenne ich, wie der Typ aufsteht und - ich kann es kaum glauben - herkommt! Er setzt sich neben mich und versucht, mich aufzubauen:
"War gut, war doch super, außer dem Hane-goshi. Aber sonst war es super. Doch, war super."
Als ich gerade etwas antworten will, kommt Hassan:
"Was sehen meine entzündeten Augen da?"
Er deutet auf meine Ohrringe.
Ich fasle irgendwas von den ersten, die man in den ersten Wochen nicht rausnehmen darf.
Der Typ lacht und meint:
"Das hat sie vor vier Wochen auch schon gesagt!"
Hassan lächelt und fährt fort:
"War gut, besonders der Yoko-shio-gatame."
Als ich noch mal zu einer Klage über den verpatzten Wurf ansetze, kommt mir der Typ zuvor:
"Soll ich dir jetzt eine Standpauke halten oder nachher?"
"Lieber jetzt, dann hab ich es hinter mir."
"Ich könnte dir gerade rechts und links eine runterhauen. Wie oft habe ich dir gesagt, was du nicht machen darfst!"
Er zeigt mir noch mal meinen alten Fehler. Er setzt sich wieder und wiederholt:
"Ich könnte dir gerade rechts und links eine runterhauen."
Hassan lacht, Sabine staunt.
"Du weißt, was wir nächstes Mal verstärkt üben!"
Ich nicke zerknirscht. Wir beginnen über Gott und die Welt zu reden. Zwischendurch schiele ich heimlich auf sein Knie, das meines schon fast berührt.
Sabine will wissen, ob man während der Prüfung auch einmal hinaus darf.
"Wenn ihr euch die Schuhe anzieht, dann schon."
"Doch nicht ganz raus!"
"Trotzdem. Wenn meine Kleinen die Halle verlassen haben, mussten sie immer Schuhe anziehen."
Ich grinse breit und mir rutscht heraus:
"Hast du gehört, Sabine, wenn du raus willst, dann musst du dir Schuhe anziehen."
Alle drei lachen, der Typ wuschelt mir durch meine kurzen, braunen Haare und schaut mich verschmitzt von der Seite an:
"Mensch, du bist unmöglich!"
Bei seinem Lächeln stockt mir seltsamerweise der Atem. Was ist denn bloß los mit mir ? Ich will doch gar nichts von ihm wissen! Warum macht mich das aber so an ?
Ich wechsle das Thema:
"Wenn ich die Prüfung bestehen sollte, dann wird gefeiert! Der Sekt steht schon kalt."
"Au ja, ich komme auch!"
"Kannst du ruhig machen."
"Nein, lieber nicht, ich weiß nicht, was deine Mutter zu Herrenbesuch sagen würde."
"Ach, das ist sie gewöhnt", - und denke dabei an die Besuche von Markus in der Vergangenheit.
Aber er fasst es anders auf und sieht vor seinem geistigen Auge Jungs in Heerscharen bei uns ein und ausgehen. Hassan und er stehen auf und setzen sich wieder auf die Bank außerhalb des Prüfungsbereiches.
An Sabine gewand frage ich:
"Bin ich wirklich so unmöglich? Alle sagen, ich sei so unmöglich!"
"Ach, vielleicht hat er das als Kompliment gemeint."
Sie wechselt das Thema:
"Ist der neben dem Typ sein Bruder?"
"Woher soll ich das denn wissen."
"Du weißt doch sonst immer alles, zum Beispiel auch, dass Hassan heiratet. Ist das sein Bruder?"
"Ich weiß es nicht. Ich glaube aber nicht. Wahrscheinlich sein Freund."
Ich schiele die ganze Zeit hinüber, sehe aber mangels Brille auf diese Entfernung alles nur etwas unscharf. Aber ich kann erkennen, dass er zurück schaut. Nicht immer natürlich, aber ab und zu. Plötzlich hört er plötzlich auf. Stattdessen schaut jetzt sein Freund zu uns. Der Typ dagegen redet bis zum Ende der Prüfung heftig gestikulierend auf seinen Nebensitzer ein.

Als das Ergebnis mitgeteilt wird, flippe ich fast aus: Alle haben bestanden! Vor Freude fallen Sabine und ich uns um den Hals. Der Typ steht am Mattenrand. Ich gehe auf ihn zu, er gibt mir die Hand und gratuliert. Schweigend schauen wir uns an. Plötzlich schnappt er mich:
"Komm, lass dich mal umarmen!"
In diesem Augenblick fährt es in mir Fahrstuhl, rauf und runter. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir so da gestanden sind, mir kommt es vor wie einige Minuten. Als er mich wieder loslässt, steht Jan daneben und will auch umarmt werden. Der Typ sagt:
"Du nicht!" - und geht. Vorher raunt er mir noch ein leises "Tschüss" zu. Ich antworte ihm genauso leise. Kurz vor dem Ausgang dreht er sich noch einmal um und fragt:
"Wie kommst du denn heim?"
"Mit dem Fahrrad."
"Aha, mit dem Fahrrad. Also, tschüss."
"Tschüss."
Von seinem Freund fange ich einen verwunderten Blick auf.
Ich stehe da wie vom Donner gerührt. In mir rast der Fahrstuhl rauf und runter und ich komme mir vor wie beschwipst.

Am Samstag gehe ich mit Alexa in unsere Lieblingsdisco, ins Freak, wo wir unsere bestandene Gürtelprüfung nachfeiern. Wir sprechen auch über den Bären.
"Der steht auf dich!"
"Ach was, das glaubst du doch selbst nicht."
"Doch, der steht auf dich!"
"Ach was!"
"Doch, natürlich! Mensch, bist du stupide, der steht auf dich, Schluss! Mit so dummen Leuten wie dir, die das nicht einmal merken, rede ich nicht darüber!"
Die ganze Woche denke ich über die Prüfung und über Alexas Worte nach.
"Das gibt's nicht, dass der Typ keine Freundin hat, der ist doch mindestens 22 aufwärts! Warum macht er mich so an?"
Ich kann es kaum bis zum nächsten Training abwarten.


5. März. Ich betrete die Halle, ganz stolz mit meinem neuen grünen Gürtel. Als er mich nach der Meditation sieht, kommt er mit ausgestreckter Hand auf mich zu. Wir geben uns die Hand, er drückt mich kurz. Ich juble innerlich. Er nimmt meine beiden Gürtelenden und zieht den Knoten nach, der sich, wie bei neuen Gürteln üblich, wieder etwas gelöst hatte. Dabei erzählt er:
"Ich hab daheim nach meinem alten grünen Gürtel geschaut, hab' ihn aber nicht gefunden."
Peng! Er hat in dieser Woche mindestens einmal an mich gedacht! Er geht kurz weg. Als er wieder kommt, umarmt er mich von hinten und flüstert:
"Nachher kämpfen wir ein bisschen miteinander."
"M-Mhh." Mir läuft es heiß den Rücken herunter. Aber es kommt nicht bis zum Kämpfen, wir müssen die Jahreshauptversammlung abhalten.

Wir setzen uns alle im Kreis um Andreas. Als ich mich hinsetze, kratze ich mich kurz am Rücken. Der Typ sieht das, interpretiert das fälschlicherweise als Rückenschmerzen und fragt:
"Ist was? Hast du was?"
"Nein, nichts ist."
Er schaut mich zweifelnd an.
"Wirklich nicht."
Ich setze mich, er setzt sich neben mich. Ich fühle mich nicht gut, um ehrlich zu sein und habe Angst, krank zu werden. Dazu kommen noch meine negativen Gedanken, dass der Typ erstens zu alt und zweitens bestimmt eine Freundin hat. Wie heißt er bloß? Wie alt ist er, bestimmt schon 22 aufwärts! Die ganze Zeit surren mir diese Gedanken im Kopf herum.
Den Kopf auf die Hände gestützt seufze ich tief. Sofort alarmiert fragt er, was ich habe.
"Ich glaube, ich werde krank. Ich bin müde und habe Kopfweh."
"Hoffentlich bist du zu deinem Kampf wieder fit! Versprich mir, dass du auf dich aufpasst! Schon dich, bitte. Versprich mir das!"
Ich zögere.
"Also gut."
"Ehrlich?"
"Ja."
"Ehrlich?"
"Ja, schon."
Wir hören doch auch einmal Andreas zu. Als er einen Lehrgang für Braungurte, die den Schwarzen machen wollen, ankündigt, schreibt er die Namen auf und ich erfahre endlich, wie er heißt. Stefan Schmid...mehr verstehe ich nicht. Ähnlich wie Schmidecker. Ich frage:
"Machst du da auch mit?"
"Natürlich! Du hast doch gefragt, wann ich den schwarzen Gürtel mache, dein Wunsch ist mir Befehl!"
Wir reden weiterhin leise viel miteinander. Es sticht, als er zwischendurch Alexa kurz einen Weg beschreibt.

Stefan wird von Andreas als den idealen Judoka präsentiert:
"Über 18, wie alt bist du?"
"21."
Ich freue mich, doch nicht sooo alt!
"Ledig." Bei Andreas Worten, schiele ich Stefan von der Seite an. Er schaut seltsam, starr vor sich hin. Mir wäre es lieber, ich hätte diesen Blick nicht aufgefangen.
"Autofahrer."
Sein Blick entspannt sich wieder.

Olaf, sein Judopartner, verabschiedet sich von ihm. Stefan hält ihn am Ärmel fest:
"Ruf mal an, hast du meine Nummer noch?"
Ich spitze die Ohren, vielleicht erfahre ich so auch noch seine Telefonnummer. Aber Olaf hat sie noch. Andreas kommt auf die Trainingsverhältnisse bei den Kindern zu sprechen. Sie brauchen noch dringend Trainer, die die Kleinen auch bei den Kämpfen begleiten können. Stefan meldet sich, ein paar seiner Kollegen auch. Ich bin so müde und habe inzwischen starke Kopfschmerzen. So starre ich nur unkonzentriert vor mich hin. Diese Situation nutzt Stefan gleich aus und nimmt meinen Arm:
"Maia macht auch mit!"
"Häh, was?"
"Du bist jetzt Trainerin bei den Mädchen der B- und C-Jugend!"
"Ich?? Oh Gott, nein."
"Ach bitte, mir zuliebe!"
"Also gut."
"Bist ein Schatz."
Er schaut mich nicht an, scheint zu überlegen. Er hat das ganz leise, ganz lieb gesagt.
Ich erwecke ihn aus seiner akuten Trance:
"Das kann ja was werden. Ich und Trainerin! So ein Pseudo-Trainer!"
Er lacht und wiederholt:
"Pseudo-Trainer! Bist du goldig, auf was du alles kommst!"
Er überlegt und streicht mir ganz lieb über die Nase. Wir reden weiter, über die Schule, über seine Ausbildung.
"Wie lange bist du eigentlich noch A-Jugend?"
"Wie lange ist man denn das?"
"Bis 18. Wie alt bist du denn jetzt?"
Aha, er will also mein Alter wissen, der Altersunterschied scheint ihn aus welchen Gründen auch immer ebenfalls zu beschäftigen.
"16 1/3."
"Aha."
"Ach übrigens, ich habe eine Brille."
Das reicht meistens zur Abschreckung.
Er dagegen flippt fast aus:
"Ehrlich, hast du eine Brille? Darf ich die mal sehen?"
"Ach nein, damit sehe ich aus wie ein wandelnder Fernseher."
"Ach was!"
Die Zeit ist vorbei, wir müssen die Matten abbauen. Ich erinnere mich im richtigen Moment daran, dass ich mich schonen soll und drücke ihm zwei Matten in die Hand:
"Da, nimm mal, ich soll mich doch schonen!"
Er lacht.
"Hat dir schon mal jemand in den Hintern gebissen?"
"Nein, nur versohlt."
Was er bloß mit meinem Hintern hat!
Er folgt mir zur Tür und erinnert mich an meinen neuen Trainer-Status:
"Denk dran, nächste Woche um 18 Uhr!"
Als ich mich umgezogen habe, gehe ich durch die Turnhalle raus. Stefan spielt mit den anderen noch Fußball. Er steht im Tor. Ich habe meine Brille auf. Er ruft:
"Maia!"
Automatisch drehe ich mich um. Er schaut kurz und winkt ab, um sich wieder auf das Spiel zu konzentrieren.

Die ganze Woche denke ich über Stefan nach. Jede Berührung, wie er mir die Haare durchwuschelt, wie die anderen grinsen, weil wir uns so gut verstehen.
Am Samstag bekomme ich Angst. Angst, dass er, wenn er doch keine Freundin hat (so, wie er mich anmacht!) er vielleicht jemand kennen lernt. Angst, dass er, wenn er doch eine Freundin hat, genau in die-sem Augenblick mit ihr schläft. Ich beschließe, mir alles so gut wie möglich zu merken, damit ich mir alles aufschreiben kann, falls er mich einmal enttäuschen sollte. Ich spiele in Gedanken alle Trainingstage mit ihm bis jetzt durch. Ich lechze richtig dem nächsten Training entgegen. Alexa redet mit immer wieder ein:
"Der steht auf dich!"
Ich traue mich nicht, das zuzugeben.
"Ach was."
Und denke, das es nicht sein kann, dass so ein Typ keine Freundin hat. In Gedanken male ich mir aus, wie ich reagiere, wenn er sagt, es sei alles nur ein Missverständnis gewesen. In Gedanken schreie ich ihn an: Warum machst du mich dann so an? Ich verliere mich richtig in dieser Situation, sehe sie richtig vor mir. Ich fühle mich so ausgelaugt, als wäre es wahr. Alles leer.


12. März. Stefan ist nicht da und ich bin wahnsinnig enttäuscht. 20 Minuten später kommt er schließlich. Ich könnte an die Decke springen vor Freude. Er kommt zu mir, wir machen gerade Gymnastik. Er sagt ganz leise, ganz lieb zu mir:
"Finde ich lieb von dir, dass du gekommen bist. Hab' mich wirklich gefreut, als ich dich gesehen habe!"
Dabei streichelt er mir über das Gesicht, sein Finger hinterlässt eine glühende Spur auf meiner Haut.
Wir werden den verschieden Gruppen zugeteilt. Nachdem ich die Standardwürfe von zwei Gelbgurten angeschaut und etwas korrigiert habe, knöpfe ich mir Carmen, ein Mädchen von 11 Jahren vor, das aus dem Judo austreten will.
Während ich sie bearbeite, sehe ich, wie uns ein Kleiner zuschaut. Er wird von Stefan eingefangen:
"Mach mit dem Training weiter, du bist zu jung! Es langt, wenn ich nach den Mädchen schau."
Ich grinse und spreche weiter mit Carmen. Plötzlich werde ich von hinten in einem Würgegriff gepackt. Stefan raunt mir ins Ohr:
"Wehr dich doch!"
Ich versuche es und werde, ich weiß gar nicht wie mir geschieht, über seine linke Schulter rückwärts im Sitzen geworfen. Er lacht und struppelt mir über den Kopf. Carmen hat immer noch keine Lust zum Weitermachen, so bearbeite ich sie weiter. Stefan kommt wieder und meint:
"Alte Klatschbase!"
"Hey, ich muss doch Carmen bearbeiten, dass sie nicht aus dem Judo geht!"
"Oh, ja, überrede sie weiter!"
Kurz darauf packt er mich wieder in einem leichten Würgegriff und sagt:
"Leg dich mal hin."
Er zeigt jemanden den Tai-otoshi.
"Siehst du, so geht's."
Und zu mir, ganz leise ins Ohr:
"So könnte ich ewig liegen bleiben."
Er lacht, ich jauchze innerlich. Beim Aufstehen streicht er mir kurz über die Nase.
Mir dreht sich alles im Körper, ich kann nicht mehr klar denken.

Das Training der Kleinen geht dem Ende entgegen. Kaum stehe ich nach der Verabschiedung auf, kommt Stefan und schnappt sich meine Beine. Er hebt mich hoch, wirbelt mich in der Luft herum. Wo ist oben, wo ist unten? Ganz kurz liege ich auf seinen Armen, nur um wieder über seine linke Schulter nach hinten geschleudert zu werden. Ich sitze auf seinem Rücken und versuche einen Judogriff. Er lässt mich wieder herunter, ich flüchte auf die Bank. Die Pause währt nur kurz. Er kommt nach und zieht mich mit einem Bein auf die Matte, wo er mich wirft. Atemlos sitzen wir auf dem Boden und reden bisschen.
"Das Trainieren hat echt Spaß gemacht!"
Er freut sich. Andreas kommt und fragt, wer heute Gymnastik macht. Stefan zeigt auf mich:
"Da, Maia macht!"
"He, nein, ich mach nicht! Aber du kannst ja!"
"Ach nein, ich bin dafür, dass du heute machst. Andreas, sie macht!"
Andreas lacht und sucht weiter nach einem Opfer. Ich halte Stefan spaßeshalber den Mund zu. Er befreit sich, ich gebe ihm ein paar leichte Klapse auf die Backe und drücke ich ihn auf den Boden herunter. Er lacht. Schließlich ergibt er sich in sein Schicksal, meldet sich zur Gymnastik und überlegt, was er machen könnte.
"Basketball," schlage ich vor.
"Nein, ich weiß etwas besseres, Bundeswehrgymnastik!"
Die machen Alexa, Bianca, Sabine und ich aber nicht mit, weil Andreas mit uns wegen dem Kampf etwas besprechen muss.
Als ich schließlich mit Sabine kämpfe, schaut Stefan zu.
"Du musst mehr machen."
"Ich kann nicht mehr!"
Er nimmt mich zur Seite.
"Faule Kröte!"
"Ja danke!" schreie ich zurück. Sein Lächeln verschwindet.
"Tut mir leid, war nicht so gemeint."
"Ja, schon gut".
Sabine und ich kämpfen weiter. Später erklärt Andreas den anderen drei die Kampfregeln, die ich ja bereits kenne. Daher schaue ich währenddessen den anderen beim Kämpfen zu. Vielleicht kann man sich ja die ein oder andere Taktik abspicken.
Stefan setzt sich neben mich und weist mich zurecht:
"Da spielt die Musik!"
"Ach, Andreas erklärt nur die Kampfregeln, die kenne ich doch schon."
"Ach so. Vorhin warst du wohl ganz schön sauer."
"Ja, schon."
"War nicht so gemeint. Ich mag dich doch!" Dabei schaut er ganz lieb und grinst. "Das musst du doch schon gemerkt haben."
Er wuschelt mir die Haare durch und steht auf. Bei mir hat eine Bombe eingeschlagen. Ich überlege, wie das gemeint war. Markus, mein Ex, hat auch gesagt, er mag mich noch, aber er sei jetzt eben mit einer anderen zusammen. Ich bin so glücklich und suche den Haken.

Nach 20.15 Uhr übt Stefan mit Alexa und sieht dabei nicht gerade glücklich aus, was mich außerordentlich freut, denn ich habe Angst, Alexa könnte ihm, wie meistens, besser gefallen, als ich ihm.
Anschließend kämpfen Stefan und ich zusammen und albern auch wieder viel dabei herum.
Ich entdecke, dass die Maus auf seinem T-Shirt dem Betrachter den Mittelfinger entgegen streckt.
"Soll ich mich jetzt angesprochen fühlen?"
"Wie? Ach so, neeeiiin!"
"Gut", scherzhaft reibe ich mein Kreuz, "wie viel wiegst du eigentlich?"
"85 Kilo. Ich habe Weihnachten 5 Kilo zugenommen und die bis jetzt noch nicht wieder runter bekommen."
"Du isst wohl zu viel, was!"
Dazu fällt ihm nichts mehr ein. Wir trainieren weiter und unterbrechen zu einer kurzen Pause. Ich erwähne meine leichten Bauchschmerzen.
"Was hast du nur wieder gegessen? Sahnetorte mit sauren Gurken?"
"Nein, nur saure Gurken."
"Bist du schwanger?"
"Nein, ich bin doch nicht du."
"Wieso?"
"Na, hab ich 5 Kilo zugenommen oder du?"
"Hätte ich dir das bloß nicht erzählt!"
Ich schaue ihn an. Er mustert mich kritisch:
"Du musst unbedingt zunehmen, du bist ja viel zu dünn!"
"Ach was. Komm, steh' auf!"
Wir kämpfen weiter. Ich komme wieder auf sein T-Shirt zu sprechen.
"Wie so ein Halbstarker!"
Das setzt ihm stark zu. Er drängt mich gegen die Wand und meint:
"Jetzt bist du dran, Halbstarker!"
Er schmeißt mich ein paar Mal hintereinander, ich habe keine Chance. Einmal habe ich ihn schließlich doch auf dem Boden, er liegt auf dem Bauch, ich sitze auf seinem Rücken und versuche, einen Würgegriff anzusetzen.
"Was gibt denn das?"
"Ein Würger. Ich muss nur mal durch den Dschungel am Kinn durch, durch den Pseudo-Bart."
"Pseudo-Bart!"
Er steht auf, ich falle herunter. Wir kämpfen weiter. Irgendwann meint er, er könne das Getue mancher jungen Menschen, erwachsen zu spielen, nicht leiden und er sei froh, selbst noch so kindlich zu sein. Er meint damit Alexa, aber ich fühle mich auch angesprochen und deute ihm einen Kinnhaken an. Ich schaue hoch zu ihm.
"Das ist süß, wie du mir immer deine Stupsnase entgegen streckst."
Er fängt an, mit dem Finger über mein Kinn zu streicheln, ganz lieb. Dann zwickt er mir leicht in Stirn, Nase und Kinn und schmatzt dabei leise.

Das Training ist zu Ende. Ich bin verwirrt. Während wir die Matten abbauen albern wir zusammen. Bauch-schmerzen habe ich immer noch. Ich frage ihn, ob ich eigentlich auch einmal zu seinem früheren Verein trainieren gehen könnte, da in der Woche des Kampfes das Training ausfällt. Das besprechen wir genauer nach dem Mattenabbauen. Wir sind im Mattenraum, er sitzt oben, ich stehe unten. Aus Versehen schließt jemand von außen das Tor.
"Wie ist denn das mit dem Kano?"
"Also, das ist nicht so gut, totaler Leistungsruck."
"Ich möchte ja nur ein Mal hin vor dem Kampf."
"Ach so. Mittwochs trainiert die A-Jugend. Da könntest du mit einem, dem Kai, trainieren. Der ist in dei-nem Alter. Kannst ja sagen, der Stefan schickt dich."
Ich mache ein enttäuschtes Gesicht. Er sieht das.
"Du willst wohl lieber mit mir hin."
Ich deute ein Nicken an.
"Mittwochs kann ich nicht. Dann bliebe noch der Freitag. Aber weißt du, das ist bei mir schon Wochenende."
"Aha."
"Ja, ich weiß, als Schüler sieht man das noch nicht so."
Letztendlich kann ich ihn aber doch noch überzeugen, mitzukommen. Übermütig beginne ich wieder, etwas über ihn zu spotten. Ihm fehlen die Worte:
"Heute bist du gut drauf. Heute kannst du mich ganz leicht fertig machen!"
"Ach, das wollte ich aber nicht." Ich grinse und muss ihn die ganze Zeit anschauen, er schaut zurück. Langsam beginnt er, mein Gesicht zu streicheln. Ganz lieb. Meine Nase, mein Kinn. Als er an meinem Mund ankommt, schnappe ich zu. Die ganze schöne Romantik ist dahin. Er schaut seinen Finger an, mit einem merkwürdigen Ausdruck in seinem Blick. Seine Hand zittert etwas. Sein Blick macht mich rasend. Er konnte sich wohl nicht mehr beherrschen.
Ganz plötzlich reißt er sich von seinen Gedanken los und schaut mich nun verschmitzt an.
"Schau mich nicht so an!"
"Warum nicht?"
"Weil ich das nicht aushalte!"
Ich schaue weg. Warum macht er mich denn nur so an? Was soll dass alles? Der Typ zieht mich unleugbar in seinen Bann und untergräbt dabei meine Selbständigkeit. Mein Verstand funktioniert nicht mehr. Ich fühle mich immer stärker von ihm abhängig. Ein immer stärkerer Sog, dem ich mich nicht entziehen kann. Und auch nicht entziehen möchte.

"Hast du einen Freund?"
"Gehabt."
"Seit wann ist es denn aus?"
"Vor einem halben Jahr habe ich Schluss gemacht, aber wir waren noch ziemlich gut befreundet und haben uns weiterhin getroffen. Seit ein paar Wochen ist es aber ganz aus."
"Ach, jetzt schaut sie ganz traurig!"
"Nein, es ist besser so. Er hat jetzt eine neue Freundin, da habe ich nur gestört."
Ich wechsle das Thema.
"Ich habe immer noch Bauchschmerzen."
"Hast du deine Tage oder ist es weiter oben?"
"Weiter oben, im Magen."
"Seit wann hast du denn das?"
"Seit vorhin, es hat angefangen, als ich ins Judo bin."
"Bin jetzt auch noch ich daran Schuld? Ich sehe schon, du hast wegen mir Bauchweh!"
"Nein, nein, ich hab nur vor dem Judo gegessen und das liegt mir jetzt zu schwer im Magen."
"Ich hab heute nur einen halben Pudding mit Sahne gegessen. So einen großen." Er deutet die Größe mit den Händen an. "Hätte ich den ganz gegessen, wäre ich noch später gekommen. Aber ich bin ja eh schon spät gekommen. Bist du eigentlich wieder mit dem Fahrrad da?"
"Ja."
"Ach so, sonst hätte ich dich mitgenommen."
"Kriegst du nicht einmal ein Fahrrad in dein Auto?"
"Ich bin mit dem Motorrad da und da geht es wohl schlecht hinten drauf."
Das Tor zum Mattenraum geht wieder auf. Eric kommt rein:
"Was macht ihr denn da drin?"
"Was man halt so da drin macht..." Stefan kann es mit seinen Zweideutigkeiten nicht lassen.
Ich gebe ihm die Hand zum Abschied. Er nimmt sie und lässt sie auch nicht los, als er sich abstützt, um von den Matten wieder herunter zu steigen.
"Also, nächsten Donnerstag um 18 Uhr oder um 19 Uhr?"
Wir vereinbaren wieder um 18 Uhr, ich verabschiede mich und gehe aus dem Mattenlager in die Umkleidekabine. Als ich auf die Uhr schaue ist es schon fast 22 Uhr, in 5 Minuten müsste ich zuhause sein. Oh, das wird Ärger geben!
Ich beeile mich mit dem Umziehen, gehe zu meinem Fahrrad, schließe es auf und fahre auf die Straße. Da sehe ich ihn gerade noch, fast wäre ich vorbei gefahren. Er sitzt auf seinem Motorrad und schaut mich lächelnd, ganz lieb an. Dieser Blick, so lieb! In mir sticht es, denke, dass ich fast vom Fahrrad falle.
Er startet hinter mir sein Motorrad und fährt das Stücken bis zur nächsten Kreuzung hinter mir her. Dort biegt er nach links ab, während ich nach rechts fahren muss. Ich drehe mich um und schaue ihm nach.

Die ganze Woche denke ich über ihn nach. Ich weiß nicht, was los ist. Ich werde das Gefühl nicht los, dass er eine Freundin hat. Aber warum macht er mich dann so an? Warum, warum, warum? Warum schaut er mich immer so lieb an? Warum streichelt er so lieb mein Gesicht? Ich habe das Gefühl zu platzen und verharre selbst in Passivität, immer auf Zeichen von ihm wartend.

Am Samstag ist eine Fete bei Steffi, zu der Alexa und ich eingeladen sind. Steffi ist leider gegen Mitter-nacht so stark betrunken, dass Alexa und ich nicht mehr bei ihr schlafen können. Wir bringen sie gerade noch ins Bett und räumen das Nötigste auf, nachdem sich alle andere Gäste bereits geschlichen haben.
Alexa ruft ihre Oma an, die in der Nähe wohnt und erklärt ihr kurz das Ganze. Wir können bei ihrer Oma übernachten und so ziehen Alexa und ich los. Sie versucht mir einzureden:
"Sag mal, Stefan, ich liebe dich!"
"Markus, ich liebe dich!"
Sie verzweifelt fast. Pausenlos redet sie mir ein, dass Stefan auf mich steht und ich kann ihr das nicht glauben. Mein Instinkt, der mich so in Passivität verharren lässt, negiert das Offensichtliche. Ich möchte die bisher schönen Erinnerungen nicht gefährden, nicht verlieren. Ich kann es nicht begründen und frage Stefan nicht, um der schönen Zeiten willen, aber es schleicht sich immer stärker das Gefühl ein, dass er eine Freundin hat.
Die ganze Woche denke ich wieder an Stefan, abwechselnd in Gefühlshöhen und Tiefen, spiele alle Donnerstage in Gedanken nach. Pausenlos. Ein irres Hochgefühl kippt um in schieres Verzweifeln. Es ist fast nicht zum Aushalten.

Am Dienstag Abend sitze ich auf meinem Bett und höre im Radio das Santana-Konzert. Die Gefühle für Stefan kann ich mir gut herbeirufen, sein Gesicht nicht. Wieder beschleichen mich dunkle Vorahnungen, dass diese schöne Zeit bald ihr abruptes Ende finden wird.



Wer mich liebt, mit dem stimmt was nicht

19. März. Aufgeregt radle ich ins Judo. Am Halleneingang treffe ich auf Andreas. Wir begrüßen uns. Ich gehe hinein, hinter der Tür steht Stefan, der gleich meine Hand nimmt.
"Ach je, hast du eine kalte Hand!"
"Das kommt vom Fahrrad fahren."
"Lass dich mal wärmen."
Er drückt mich kurz ganz fest und schickt mich zum Umziehen. Nach dem Aufwärmen trainiere ich Carmen und Doris. Die beiden bringen mich fast um den Verstand, aber zumindest hat Carmen beschlossen, doch nicht aus dem Verein zu treten.
Langsam bin ich ein bisschen enttäuscht, weil ich das Gefühl habe, dass Stefan mich heute nicht weiter beachtet. Aber irgendwann ändert sich das doch. Ich mache ein Würgezeichen mit den Händen und deute auf die beiden Mädchen. Er grinst, kommt näher und raunt mit leise ins Ohr:
"Süß!"
Ich juble im Stillen und möchte ihn auf der Stelle umarmen, traue mich aber natürlich nicht.
Als die zwei Mädchen eine Pause machen, gehe ich zu zwei anderen, die gerade ihre Würfe trainieren. Ich schaue den beiden zu und gebe ihnen ab und zu Tipps, wie sie ihre Würfe verbessern können. Stefan kommt vorbei und flüstert leise in mein Ohr:
"Bald gehörst du mir! Das feiern wir dann."
Er schaut mich verschmitzt an. So schnell wie er da war, ist er wieder weg.
Ich glaube, ich habe mich verhört. Wie meinte er das ? Schon so oder war das nur ein dummer Scherz ? Er muss doch ein Freundin haben, aber das passt doch dann alles nicht zusammen!
Wieder sehe ich mich in Gedanken ihn anschreien, warum er mich denn immer so angemacht hat. Ich sehe uns vor meinem geistigen Augen in der rechten hinteren Ecke in der Judohalle, uns beide ganz allein. Ich sehe seine Augen, traurig und ausdruckslos. Ich habe so Angst, dass diese Situation noch eintreten wird.

Das Training der Kleinen neigt sich dem Ende zu.
In der nächsten Stunde kämpfe ich mit Sabine. Einen Augenblick passe ich nicht auf, da passiert es: Sie wirft mich, ich falle aufs Kreuz, bekomme kaum noch Luft. Es ist nicht so schlimm, aber ich muss husten. Olaf, Stefans Partner, der praktischerweise beim Roten Kreuz aktiv ist, kommt gleich zu uns.
"Leg dich auf den Rücken, stell die Beine auf."
Stefan will wissen, was passiert ist. Beide schauen ganz besorgt. Es sieht schlimmer aus als es ist, aber ich muss immer noch heftig husten und habe Schwierigkeiten beim Atmen.
"Ich bin - hust - aufs Kreuz ge- hust - gefallen."
"Bleib liegen!", befiehlt Olaf, als ich wieder aufstehen will. Mops kommt:
"Das geht schon wieder, komm, steh auf."
Meine Rede, denke ich und will wieder aufstehen. Doch Olaf drückt mich zurück auf den Boden und meint ich solle weiter liegen bleiben.
Kurze Zeit später stehe ich aber doch auf und huste dabei noch ein bisschen. Stefan fragt, immer noch ganz besorgt:
"Geht es wieder ?"
Ich nicke und gehe mit Sabine zu Alexa und Bianca, wo wir wechseln. Ich kämpfe mit Bianca und verliere prompt. Daraufhin vergeht mir die Lust und ich zeige ihr ein paar Sachen, die sie für den Kampf über-nächste Woche gebrauchen kann. Als ich ihr zeige, wie man einen auf dem Bauch liegenden umdreht, setzt sich Stefan zu uns. Er schaut eine Weile zu, sagt aber nichts und geht wieder. Ich weiß nicht, woran ich bei ihm bin. Ich will ihn ja so gerne spüren, traue mich aber nicht, ihn selber zu umarmen. Mein Verstand verhöhnt mich als "passives Weibchen". Aber ich weiß ja auch nicht, was los ist. Ich warte die ganze Zeit auf eine Berührung, ein liebes Wort von ihm. Ich male mir aus, wie wir nachher wieder zusammen kämpfen, aber dazu kommt es nicht mehr. Im letzten Teil des Trainings zeigen Andreas und Stefan, was sie auf dem Lehrgang gelernt haben. Ich trainiere mit Alexa. Stefan kommt und schaut, ob wir alles richtig machen. Er zeigt es uns auch links, damit wir die Techniken im Kampf zur Überraschung des Gegners beidseitig anwenden können. Einen der Würfe beendet er mit einem Tai-otoshi und einem leisen, aber nicht weniger herzhaften "Hmmmm" in mein Ohr. Er grinst und verschwindet für eine Weile.
"Spinner" geht es mir durch den Kopf. Andreas zeigt uns allen noch eine andere Wurfkombination. Anschließend ist Stefan fast die ganze Zeit bei uns.
Nach dem Mattenabbauen besprechen wir genauer, wann wir uns morgen zum Training bei seinem früheren Judoclub treffen. Er setzt sich auf die Bank, ich stehe.
"Setz dich doch." Er klopft einladend auf die Bank. Wir bereden das Training morgen und Organisatorisches zum Kampf. Außerdem will der ganze Verein nach dem Kampf auf Hassans Hochzeit in den Judoanzügen Spalier stehen. Plötzlich fragt Stefan:
"Soll ich dich heimfahren?"
"Ich bin wieder mit dem Fahrrad da, das kann man ja wohl schlecht hinten aufs Motorrad binden."
"Ich habe das Auto dabei. Da müsste es wohl hinten rein gehen."
"OK, ja."
Wahnsinn! Ich folge Alexa in die Umkleidekabine, besser gesagt, ich renne hinein und erzähle ihr gleich:
"Hey, ich muss mir keinen abradeln, ich werde heimgefahren!"
"Von wem? Von dem?"
"Ja, genau. Super, nicht ? Bei dem Wetter!"
So schnell wie jetzt habe ich mich noch nie umgezogen. Mit den Worten von Alexa, die mir noch einen schönen Abend wünscht und dabei breit grinst, gehe ich direkt in die Vorhalle raus. Dort wartet Jan auf mich. Oh, den hatte ich ja ganz vergessen! Ich versetze in einmal mehr. Stefan kommt und Jan fragt, ob er ihn auch bei dem Wetter, es nieselt, vermischt mit leichtem Schneefall, mitnehmen könne.
"Nein, das geht nicht. Ich muss die Rückbank umklappen, damit ich das Fahrrad rein bekomme. Somit ist nur noch vorne ein Platz frei."
"Ach so, na ja, tschüss dann!"
Jan geht und ich wende mich Stefan zu, den ich heute einmal ausführlicher in Alltagskleidung betrachten kann: helle Jeans, rotkariertes Hemd und schwarze Jacke. Gut sieht er aus! Er schiebt mein Rad zu seinem Auto, ein gelber Golf mit schwarzen Streifen auf der Seite.
"Dein Auto gefällt mir."
"So?" Er zieht zweifelnd die Augenbrauen hoch. "Da bist du aber die erste. Warte nur, bis du es von innen siehst. Da klappert alles."
"Na und? Mir gefällt es trotzdem."
"Du bist ganz schön tolerant!"
Na ja, eher ignorant denke ich mir.
Stefan klappt die Rückbank um und packt mein Fahrrad hinein. Die Rückklappe geht nicht ganz zu. Als ich einsteige, necke ich ihn deswegen ein bisschen. Er pariert sofort:
"Willst du Ärger?"
"Nein, du?"
Ihm fällt keine Antwort ein und er deutet einen Judogriff an.
Auf der Heimfahrt albern wir so herum, dass ich ihm zu spät sage, wo er hätte abbiegen müssen:
"Äh, da wäre es rein gegangen."
Also fahren wir einen kleinen Umweg und passen dieses Mal ganz genau auf. Endlich sind wir da. Er fährt bis in den Hof herunter. Währenddessen zeige ich ihm, wo er klingeln muss. Im Hof lädt er mein Fahrrad aus. Ich öffne die Garage und erwarte, dass er gleich wieder weg fährt. So schiebe ich langsam mein Fahrrad hinein. Als ich wieder aus dem Fahrradkeller komme und gerade das Garagentor schließen will, ist er immer noch da. Wir reden noch. Wieder ergreift er die Inititiative:
"Gib mir mal deine Telefonnummer."
Er zieht ein kleines Adressbuch aus der Jackentasche und einen Kuli. Er lehnt sich an unser Auto und schreibt: Telefon Großhans, Maja und die Nummer.
"Das "Maia" schreibt man aber mit "i".
Er schreibt darunter: Mit "i"und macht einen Pfeil zu meinem Namen.
Plötzlich meint er:
"Mach mal Männchen!"
Ich hebe meine Arme entsprechend und schaue ihn treudoof an. Er lacht und meint:
"Das müssen wir aber noch üben!" Wir grinsen. Ein bisschen traurig meint er:
"Heute hast du mich ja gar nicht beachtet."
"Wie? Nein, DU hast MICH nicht richtig beachtet!"
Ich warte wieder darauf, dass er etwas macht. Irgendwas. Vielleicht hilft die Andeutung eines Abschieds...
"Du, ich muss jetzt dann mal rauf gehen."
Wir stehen da.
"Du bist zu dünn. Du musst unbedingt zunehmen. Was für eine Größe hast du denn?"
"Ach, verschieden. Mal 34, mal 36."
"Weißt du was das ist? Das ist ja schon fast Kindergröße!"
Er fasst um meine Taille.
"Da komm ich ja fast mit meinen Händen rum!"
Er zeigt mir meine Taillenweite anhand der Hände. Dann fasst er um beide Arme.
"An dir ist ja nichts dran."
"Sag mal, ich besteh doch nicht nur aus Haut und Knochen!"
"Na ja."
"So, jetzt muss ich aber mal rauf gehen."
Ich halte ihm die Hand hin. Er zögert, nimmt sie dann aber auch. Es folgt ein intensiver Händedruck und schließlich zieht er mich an sich, endlich.
"Oh komm, lass dich mal drücken!"
Er nimmt mich ganz lieb in seine Arme. Diese Umarmung ist viel intensiver als die bisherigen.
"Bist du ein knuddeliges Ding!"
"Knuddelig ja, aber kein Ding!"
"Was denn dann?"
"Ein Wesen!"
"Na ja."
Er mustert mich abschätzig.
"Und ich bin auch nicht zu dünn!"
Wir schauen uns an, immer noch in den Armen haltend. Sein Kopf neigt sich, er küsst mich! Ganz lieb und sanft. Ich bin unsagbar glücklich. Es war so sanft, so lieb, so süß! Er lässt mich los und lächelt verlegen.
"Das habe ich jetzt einfach machen müssen. Ich geh jetzt wohl besser."
Er geht zwei, drei Schritte, dann dreht er sich um.
"Ich muss dich noch mal drücken."
Ich fühle mich wohl, möchte ihn nie mehr los lassen. Immer noch in den Armen schauen wir uns an. Mein Herz hat einen Schluckauf im 6/8 Takt. Er merkt es.
"Da klopft es aber heftig."
"Schon!" Wenn er wüsste...Ich möchte ihm auch einen Kuss geben, aber irgend etwas hält mich einmal mehr zurück. Er küsst mich noch mal. Mir dreht sich alles im Kopf und im Körper. Er drückt mich noch einmal. Sein Kopf ruht auf meiner Schulter, ich spüre seine Bartstoppeln an meinem Hals. So könnte ich immer stehen bleiben, es ist so schön. Lange später lässt er los. Er räuspert sich und murmelt mit heiserer Stimme ganz leise, ganz lieb:
"Ich geh jetzt, also, tschüss. Versetz mich morgen nicht. Soll ich die Garagentür zumachen ?"
"Ja bitte. Tschüss."
Ich merke, wie er mir nachschaut und wanke die Treppe hinauf. Meine Mutter nimmt mich natürlich gleich ins Verhör:
"Warum kommst du so spät? Wer fährt da vom Hof raus?"
"Ich hab noch etwas wegen dem Judotraining morgen besprechen müssen. Ich bin heim gefahren worden."
"Von wem?"
"Kennst du nicht. Ist ein Braungurt aus dem Judo."
"Wer denn?"
"Stefan."
Fehlt nur noch, dass sie fragt, was wir in der Garage gemacht haben. Aber sie schweigt.

Mir kommen allmählich Zweifel auf. Es war so schön, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es nur so über ihn kam. Ich muss dauernd daran denken. Als ich an diesem Abend in den Spiegel schaue, sehe ich verändert aus, fast schön, mit strahlenden Augen und roten Wangen.
Lange kann ich nicht schlafen und rufe mir wieder und immer wieder die ganzen Ereignisse zurück. Aber den negativen Beigeschmack werde ich dennoch nicht los. Was stimmt denn nur nicht?

Am nächsten Tag passt mich Alexa gleich ab:
"Na, wie war es? Habt ihr...." Sie schmatzt zwei Mal in die Luft. Ich nicke und erzähle es ihr.
"Wie in einem alten Hollywoodschicken," beende ich meine Ausführungen.
Ich bin unsagbar glücklich, kann aber mein negatives Gefühl nicht abstellen. Es wird immer stärker, ich bekomme Angst. Mein Innerstes fühlt sich an wie aufgeschnitten. So verwundbar. Ich bilde mir ein, er ruft an und sagt für heute Abend ab. Aber er tut es nicht.
Mit einer Wahnsinns-Angst radle ich ins Judo. Als ich ankomme, schaue ich mich nach ihm um. Er ist noch nicht da. Ich beschließe zu warten. Als er schließlich kommt, mit dem Auto, wie ich nebenbei bemerke, fahre ich in den Hof und schließe mein Fahrrad ab. Ich schaue hoch, es ist schon dunkel. Er steht ganz nah vor mir. "Hallo, schöne Frau", sagt er ganz leise und küsst mich mit geschlossenen Augen sanft auf die Nase.
"Hallo."
Warum gibt er mir keinen richtigen Kuss oder umarmt mich wenigstens? Ich selbst trau mich nicht. Dunkle Wolken düsterer Vorahnungen ziehen auf. Was ist, wenn er das gestern gar nicht wollte, wenn ihm das Ganze leid tut?
Ich ziehe mich um. Er ist schon draußen. Er hatte sich den Kimono einfach über den Jogging-Anzug gezogen. Wir bauen uns ein paar Matten auf und beginnen mit einem Bodenkampf. Er erklärt mir, worauf es ankommt. Wir kämpfen lange am Boden, aber ich siege nie. Irgendwie ist alles anders als sonst, sachlicher, ernster. Ich sehne mich nach ihm, aber er erscheint mir heute so unnahbar und fern. Keine Spur von Scherzen. Den gestrigen Abend erwähnt er mit keinem Wort. Bereut er es? Ich will einfach nur gedrückt werden, weil ich mich selbst nicht traue. Innerlich schreie ich. Auch beim Standkampf bleibt die Spannung erhalten. Sie ist förmlich spürbar. Diese Angst! Es ist fast zum Verzweifeln, zum Losheulen. Wir hören schon um 20 Uhr wieder auf. Er ist auch nicht so gut drauf. Wir bauen unsere Matten ab. Ich ziehe mich schnell um, will ganz schnell verschwinden. So enttäuscht. Ich schleiche mich raus, ohne den Umweg durch die Halle zu nehmen. Nur schnell weg hier.
"Hey, warte mal! Nicht so schnell, wolltest wohl gerade abhauen!"
"Ja, schon."
Er hat mich abgepasst und lächelt. Kann er denn Gedanken lesen? Wir gehen zusammen raus.
"Darf ich dich heimfahren?"
"Ja, warum nicht."
Ich schließe mein Fahrrad auf, er schiebt es zu seinem Auto, wo er es wieder einlädt. Wir steigen ein.
"Du bist wohl ein bisschen geschockt wegen dem Überfall gestern."
"Nein, eigentlich nicht."
"Es hat mich einfach übermannt. Es tut mir leid."
Ich habe gewusst, dass er das sagt und verdrehe die Augen. Er fährt fort:
"Eigentlich tut es mir nicht leid."
Was ist los? In mir verkrampft sich alles. Ich habe es doch gewusst!

"Ich habe heute viel über dich nach gedacht. Ich bin heute auch nicht so gut drauf. Nach der Berufsschule habe ich heute Mittag ferngesehen und bin eingeschlafen. Ich bin erst heute Abend wieder aufgewacht."
Er fährt los. Wir reden nicht viel. Die Spannung wird unerträglich. Es tut so weh! Ich spüre, dass noch etwas kommt, dass das nicht alles war. Er fährt in die falsche Einfahrt, eine zu früh und lädt mein Fahrrad aus. Wir stehen auf dem Gehweg, er an sein Auto gelehnt, ich vor ihm auf meinem Fahrrad.
"Eigentlich wollte ich ein paar ernste Worte mit dir reden."
Ich denke mir, er sagt gleich, er wolle mit mir zusammen sein. Was weiß ich, woher plötzlich diese optimistische Stimmung kommt. Er fährt fort:
"Ich weiß aber nicht, wie ich anfangen soll."
"Ist es positiv oder negativ?"
"Ich weiß nicht, kommt darauf an, wie du es siehst."
"Das sagt mir jetzt viel. Also komm, sag schon."
"Ach, ich weiß nicht."
"Stell dir vor, du würdest mit einem ganz aufnahmebereiten Menschen reden. Würdest du es dann sagen?"
"Ich glaube schon."
"Also."
"Ich weiß aber nicht, ob du so aufnahmebereit bist."
"Ja, schon, stell es dir doch zumindest mal vor. Einen Menschen, dem nichts ausmacht. Egal, was du sagst."
"Wo ist denn so ein Mensch?"
"He, huhu, hier bin ich!"
Ich winke ihm ins Gesicht.
"Also gut. Aber du musst mir versprechen, dass du mich nicht unterbrichst."
"OK."
"Also", er zögert kurz und räuspert sich, "ich habe eine Freundin."
"Das habe ich mir gedacht." Ich unterbreche ihn doch und sehe vor mir, wie ich genau diesen Satz aufschreibe. Sehe die Zeilen meines Tagebuchs, die unauslöschbar meinen Niedergang in Wort und Tränen aufnehmen. Bereit, die Vergangenheit für immer lebendig zu halten. Papier ist geduldig.
Er redet weiter:
"Es ist nun aber so, dass wir in letzter Zeit dauernd Krach haben. Ich weiß jetzt aber nicht, ob ich Schluss machen soll, weil wir schon so lange zusammen sind. Ich habe heute viel über dich nachgedacht. Eigentlich schon die ganze letzte Woche. Meine Freundin hat das auch gemerkt. Ich wäre gerne mit dir zusammen, wenn ich keine Freundin hätte, würde ich auch keine Sekunde zögern. Aber weißt du, das mit ihr ist jetzt nicht mehr so, wie es am Anfang war. Ich weiß jetzt eben nicht, ob ich Schluss machen soll. Du hast doch wohl schon gemerkt, dass ich dich gern habe."
Nein, nicht wirklich, denke ich und antworte:
"Ja, schon." Zumindest versucht mir das Alexa seit geraumer Zeit einzureden.
"Und du, wie ist es mit dir? Hast du mich überhaupt gern?"
"Ja!" Meine Güte, so müsste ich mich ja jetzt auch nicht an ihn ran werfen.
Die Spannung ist weg.
"Das sagst du jetzt so. Du kennst aber meinen wahren Charakter nicht: egoistisch und launisch."
"Na und? Zumindest launisch bin ich auch, außerdem hab ich einen Mega-Dickkopf."
"Sollen wir gute Freunde bleiben oder ist dir das zu wenig?"
Nun, gute Freunde umarmen sich vielleicht, flirten aber nicht und küssen sich erst recht nicht.
"Das ist mir eigentlich zu wenig."

Jetzt weiß ich, was los ist, ich hatte die ganze Zeit recht. Hätte es auch gar nicht gegeben, so ein Typ ohne Freundin. Aber es tut weh und er scheint tatsächlich Mitleid für seine Situation schinden zu wollen. Ich schwanke zwischen Selbstgefälligkeit, Wut und Mitleid für seine Freundin. Soll ich jetzt etwa am Scheitern seiner Beziehung Schuld sein? Nein, dazu habe ich keine Lust. Aber andererseits gönne ich ihn IHR auch nicht. Er unterbricht meine Gedanken:
"Kennst du denn nicht noch andere Jungs?"
"Nicht viele. Alexa will mich dauernd mit Jungs aus dem Freundeskreis ihres Freundes verkuppeln, aber die sagen mir nicht zu."
Hey, ich will doch nicht irgendeinen!
"Da bin ich aber froh, dass du mit solchen, die Alexa anschleppt nichts anfangen willst. Aber sag mal, stört dich denn der Altersunterschied nicht?"
DAS musste ja kommen. Ich verdrehe die Augen.
"Nein, das ist mir egal. Darauf kommt es nicht an. Ich kenne viele Pärchen, da ist das Mädchen in meinem Alter und der Typ um die 20."
Na, so viele nicht in dieser Konstellation. Meine Cousine und ihr Freund und eine aus meiner Klasse. Aber so genau wird ihn das an dieser Stelle nicht interessieren.
Er schaut ganz lieb, zum Knuddeln. Warum macht er mir einerseits noch Hoffnungen und andererseits will er mich an andere Jungs verhökern? Mein restliches Wohlgefühl von gestern Abend ist gewichen, übrig bleiben nur noch Leere und Schmerz. Ich denke an die vergangenen Wochen, so schön und nun wie weg geblasen! Gedankenverloren schaue ich vor mich hin. Er nimmt meine Hand und streichelt sie sanft, ganz lieb.
"Du machst nicht Schluss."
"Hast du ein Vertrauen in mich!"
"Trotzdem, du machst nicht Schluss."
"Weißt du was? Wir wetten. Wenn du gewinnst, dann gehen wir etwas trinken, wenn ich gewinne, dann gehen wir zusammen essen."
"OK, kann ja schon mal anfangen zu sparen. Damit ich Geld habe, wenn wir etwas trinken gehen."
"Ach du, schau doch nicht so traurig vor dich hin."
"Was soll ich denn sonst tun. Es tut jetzt alles so furchtbar weh."
"Tja, hängt wohl alles von mir ab. Aber es ist doch noch nichts entschieden."
Wir schauen uns an. Er streichelt immer noch meine Hand. Meine linke. Besonders meinen Daumen. Ganz lieb, ganz sanft. Er schaut dabei ganz lieb. Ich bin am Boden zerstört. Ich kann aber nicht weinen.
"Weißt du, spätestens wenn sie anfängt zu heulen, machst du nicht Schluss. Du machst nicht Schluss."
Er schaut mich nur an, streichelt meine Hand, meinen Daumen.
"Weißt du, ich möchte dir jetzt auch nicht einfach so sagen, ich mach Schluss. Denn dann kommt es so, wie du sagst und das wäre dann nichts halbes und nichts ganzes."
Ich breche dieses ganze Drama für heute ab.
"Ich muss jetzt dann mal rauf. Aber meinen Daumen muss ich auch mitnehmen."
"Nein, der bleibt hier."
Er hält ihn fest.
"Ach du."
"Sag mal, kennst du die Typen da hinten?" Er deutet auf zwei Jungs, die an unserer Hofeinfahrt stehen.
"Nein."
"Pass auf, wenn du reingehst, nicht dass sie dich überfallen."
"Ach was."
"Na, wer weiß. Mach dir morgen einen schönen Tag. Kannst ja ins Freak gehen."
"Ach nein, mir ist die Lust dazu vergangen."
"Ach Gott, jetzt nimm es doch nicht so schwer."
"Es tut halt gerade so weh!"
"Ach, geh doch hin. Stell dir vor, ich gehe hin und denke, dass du auch da bist. Und - keine Maia."
"Weiß noch nicht, glaube nicht. Hab jetzt keine Lust mehr."
"Ich rufe dich morgen oder übermorgen an und gebe dir Bescheid. Ach, schau mich doch nicht so treuherzig an!"
Was soll ich denn sonst tun? Hätte ich es besser nicht erfahren! Noch kann ich mich zusammen nehmen und springe ihm nur in Gedanken schreiend mit ausgefahrenen Krallen ins Gesicht.
"OK, also, tschüss."
"Tschüss."
"Meinen Finger nehme ich aber lieber mit."
Er ist inzwischen dazu übergegangen, meinen Mittelfinger zu streicheln. Er lacht.
"Also gut."
Ich fahre ein Stück auf dem Gehweg vor, drehe mich dann noch mal und frage:
"Sag mal, ist deine Freundin blond und langhaarig?"
"Nein, wieso?"
"Ach, nur so. Vergiss es."
Ich fahre in unsere Hofeinfahrt. Jetzt kommen die Tränen doch. Zum Glück habe ich sie so lange zurück halten können, bis er außer Sichtweite ist. Wäre ja noch schöner gewesen, mich so bloß vor ihm zu stellen.

Ich stelle mein Fahrrad in den Fahrradkeller und werde nicht überfallen. Mir schwirrt der Kopf. Ich fühle mich ganz nah vor dem Abgrund. Morgen und übermorgen bin ich tagsüber nicht da, beschließe ich. Ich will nicht da sein, wenn er anruft. Bei niemandem vorher hatte ich ein so starkes Gefühl, verliebt zu sein und ausgerechnet jetzt steht seine Freundin im Weg. Oder steh ich den beiden im Weg ? Keine Ahnung. So oder so, diese Rolle, die gesamte Situation gefällt mir nicht, ganz und gar nicht.
Ich gehe früh ins Bett. Im Vergleich zu gestern sehe ich heute richtig verwelkt aus, ganz blass. Ich denke über alles nach, über die Zeit ab der Prüfung. Lange kann ich nicht einschlafen, wünschte, endlich aus diesem Albtraum zu erwachen. Heute Abend waren wir uns so nahe, aber auch wiederum so fern.

Am nächsten Tag erzähle ich Alexa, dass er eine Freundin hat.
"Du, der macht sicher mit seiner Tussi Schluss, sonst hätte er dich nicht so angemacht."
Wie schön, dass sie manchmal so erstaunlich geradlinig denkt!
"Nein, glaub ich nicht. Der ist doch schon so lange mit ihr zusammen."
Wie lange eigentlich? Das habe ich vergessen zu fragen. Interessiert mich auch nicht wirklich.
Langsam breitet sich ein angenehm gleichgültiges Gefühl aus.
Am Nachmittag begehe ich Telefonflucht und gehe zusammen mit Kathrin und ihrem Hund spazieren. Auch ihr erzähle ich alles ganz genau, von Anfang an. Es tut gut mit jemanden darüber zu reden, der nicht dabei war. Kathrin tröstet mich. Sie ist der Ansicht, dass Stefan bestimmt mit seiner Freundin Schluss macht. Ich weiß nicht, ob ich das glauben kann. Gegen Abend komme ich wieder heim. Meine Mutter ist ausgegangen, also könnten wir ungestört telefonieren, wenn er anrufen würde. Aber ich will ja überhaupt nicht mit ihm telefonieren. Dennoch, für den Fall der Fälle lege ich mir passende Antworten zurecht, wie "Siehst du, habe ich dir doch gleich gesagt, dass du nicht mit deiner Freundin Schluss machst."
Während ich mich fürs Freak zurecht mache, das volle Programm mit duschen, Haare waschen, Kleiderschrank ausräumen und doch nichts passendes finden und schminken, erscheinen plötzlich wieder positi-ve Gedanken am Horizont. Gut, dass mich Alexa zum Abend im Freak überredet hat. Und gut, dass mei-ne Mutter gemeint hat, sie würde mir ihr schwarzes, langärmliges, eng anliegendes T-Shirt mit Paillettendrachen leihen. Gleichzeitig steigen Bilder vor meinem geistigen Auge auf, wie Stefan seine Freundin gerade tröstet, sagt, es werde alles wieder gut und er werde sie nicht verlassen.
Verflixt!

Um 21.45 Uhr werde ich von Alexas Vater abgeholt, der uns zusammen zum Freak fährt. Meine Brille habe ich schön daheim gelassen. Lieber besser aussehen, als gut sehen. Alexa ist vom Ergebnis nach zwei Stunden Badezimmeraufenthalt sehr angetan und pfeift anerkennend. Die Nacht kann beginnen; bei guter Musik schön tanzen und entspannen. Wäre doch gelacht, wenn mein Glück jetzt auch noch von einem Kerl abhängt!

Aber es gelingt mir nicht, im Gegenteil, es wird eher schlimmer. Zum Glück ist Alexas Freund heute Abend nicht dabei, denn ein glückliches Pärchen in direkter Nähe wäre das letzte, was ich ertragen könnte.
Ich kann nicht einmal mehr richtig tanzen. Mein Taktgefühl lässt mich heute gänzlich im Stich, meine Arme und Beine schlendern unsicher zur Musik. Bei einen Tanzwettbewerb würde ich heute sicher nicht den Hauptgewinn nach Hause tragen! Völlig gefrustet laufe ich gegen Mitternacht richtungslos nach vorne zum Eingang. Hauptsache, Bewegung, wenn der DJ schon keine gute Musik auflegen kann. Der Laden ist proppevoll, vor, hinter und neben mir nur fröhliche Gesichter. Wäre gute Laune doch nur ansteckend. Ich giere nach Luft, eiskalter frischer Luft, die sich kühlend und reinigend auf das Gesicht legt, die Tränen in den Augen versiegen lässt.

Plötzlich schiebt sich ein Arm vor mich und fängt mich auf. Ich schaue hoch, will gerade anfangen zu meckern, was das soll und sehe - Stefan!
Ich kneife meine Augen etwas zusammen, da ich ohne Brille nicht ganz sicher bin, ob er es wirklich ist.
"Hallo, ich dachte, du wolltest heute Abend nicht herkommen!"
Er hat die Sprache als erster wieder gefunden.
"Hallo, ich versuche gerade, mich zu ent- frusten. Aber das klappt nicht."
"Hast doch gar keinen Grund dazu."
"Doch, habe ich."
"Nein, hast du nicht."
"Doch."
"Nein, hast du nicht."
Ich blick' mal wieder gar nichts. Er fährt fort:
"Ich hab mit meiner Freundin Schluss gemacht."
Peng! Wie vom Donner gerührt stehe ich mit offenem Mund da und starre ihn an.
Er schaut mich nur an. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll, denn das war das Letzte, mit dem ich gerech-net hatte. Auf alles andere wäre ich vorbereitet gewesen, aber nicht auf das.
Als er merkt, dass ich immer noch wieder der berühmte Ochse vor dem Berg stehe und den Mund nicht zuklappe, meint er etwas enttäuscht:
"Ich habe gedacht, du freust dich ein bisschen, aber na ja."
"Ich freu mich doch auch, aber das, ich mein, das haut mich gerade so um! Damit hätte ich jetzt überhaupt nicht gerechnet!"
Irritiert fahre ich mir durch die Haare und kneife meine Augen fest zu. Wenn ich doch nur nicht aus diesem Traum erwache! Ich öffne meine Augen wieder und stehe immer noch in der Disco und immer noch steht Stefan vor mir. Kein Traum! Er lacht. Ich bin so überglücklich und finde keine Worte dafür. Liebevoll schaut er auf mich herab, während ich immer noch ungläubig mit fahrenden Bewegungen vor mich hinstammle. Ich kann es kaum glauben! Schließlich schnappt er mich. Wir fallen uns um den Hals und gehen an den nächsten Tisch.





Stummer Schrei

Auf dem Weg in die Stadt, ohne bewusst auf die Umgebung zu achten.

Freier Fall ins Leere
Ausgebreitet, Besitz ergreifend.
Vom Inneren
Losgelöst
Kein Gestern, kein Morgen
Zuviel passiert.
Alleinsein, Einsamkeit, Angst.

Die Stadtmitte mit eiligen, aber willenlosen Schritten erreicht.

Unsicherheit, Fragen
Heimliche Zuflucht in vergangene
In schöne Zeiten.
Jedes bewusste Überlegen entartet
Qualvoller, stiller Schmerz

Wundes Herz


-----> nicht von mir!